Ski alpin Firmenzentrale im Hotel

"Das Skifahren ist der leichteste Teil": Larisa Yurkiw muss sich als Chefin ihres eigenen Ein-Frau-Betriebs um fast alles selbst kümmern.

(Foto: Armando Trovati/AP)

Vor drei Jahren stellte Kanadas Verband die Förderung von Larisa Yurkiw ein. Trotz der erzwungenen Selbstständigkeit ist die 27-Jährige in diesem Winter eine der erfolgreichsten Abfahrerinnen im Weltcup-Betrieb.

Von Johannes Knuth

Die Skirennfahrerin Larisa Yurkiw erinnert sich noch an die Nachricht von vor drei Jahren, an fast jedes Wort. Als der kanadische Verband ihr mitteilte, dass er kein Geld mehr habe, um ein Frauenteam für die Abfahrt und den Super-G durch den Weltcup zu bringen. Yurkiw könne sich den Skicrossern anschließen, sagten sie; das ist die Disziplin, in der sich mehrere Fahrer gleichzeitig einen Parcours hinunterstürzen. Dort könne man sie in ein wärmendes Nest der Förderung einquartieren. Es war die einzige Option, die sie Yurkiw anboten. Ansonsten, sagten sie, "gibt es keine Lösung".

Larisa Yurkiw, 27, aus Kanada, ist dann doch Skirennfahrerin geblieben. Sie ist sogar eine der erfolgreichsten Abfahrerinnen dieses Winters, hinter einer gewissen Lindsey Vonn aus den USA. Yurkiw hat sich in dieser Saison drei Mal auf dem Podium eingefunden, in Val d'Isère wurde sie Dritte, in Zauchensee und Cortina d'Ampezzo jeweils Zweite. Zuvor hatte sie sich nur einmal unter die besten Drei geschoben, vor einem Jahr in Cortina. Am Wochenende zählt sie wieder zu den Favoriten, bei den Abfahrten am Freitag und Samstag in La Thuile/Italien. Yurkiw unterhält seit drei Jahren ihr eigenes Team, "Team Larisa". Und während sie mittlerweile ihre Freiheit schätzt, sagt sie: "Ich wünsche es niemandem, in die Selbstständigkeit gezwungen zu werden."

Yurkiws erzwungene Freiheit brach im April 2013 an. Die Förderströme, die bis zu den Spielen 2010 in Vancouver in die Alpinsparte der Kanadier geflossen waren, versiegten, der Verband mochte nicht mehr in das Speed-Ressort der Frauen investieren. Skifahren ist ein Individualsport, aber nur für die zwei Minuten einer Fahrt. Man sieht selten, wie viele Menschen einem Athleten zuarbeiten, Trainer, Personal der Skiausrüster, Physiotherapeuten. Abfahrer müssen auf gesicherten Pisten trainieren, Privatteams werden in Zeiten von schmelzenden Gletschern und Sponsorenbudgets seltener. Die Schweizerin Lara Gut ist eine der letzten Einzelkämpferinnen, sie war aber bereits erfolgreich, als sie sich (im Streit) vom Verband löste. Yurkiw war eine eher unbekannte Skifahrerin, die plötzlich 150 000 Dollar zusammenkratzen musste, um durch den Winter zu kommen.

Die größten Herausforderungen? "Wie viel Zeit haben Sie?", sagt Yurkiw, sie lacht.

Yurkiw hatte zunächst nur ihren Trainer Kurt Mayr, einen Österreicher, der zuvor die Kanadierinnen angeleitet hatte. Sie war jetzt Teamchefin, Marketing-Agentin und Rennfahrerin in Personalunion, Mayr übernahm den Rest. Ihre Infrastruktur: der Laptop. Ihre Firmenzentrale: das Hotelzimmer. Yurkiw sprach bei Sponsoren vor, während sie eigentlich hätte trainieren müssen, am Anfang verpasste sie die Hälfte der Einheiten. "Ich musste sehr viel sehr schnell lernen", sagt sie. Sie fand einen Sponsor, verkaufte T-Shirts für Fans und Unterstützer, von Kanada bis Österreich. Sie erfuhr, dass bei manchen Rennen 50 Millionen Zuschauer aus 120 Ländern zuschauen, dass aber nur die Besten länger gezeigt werden, was erst Sponsoren anlockt. Sie hangelte sich bis zu den Winterspielen in Sotschi, wurde 20. in der Abfahrt, immerhin. Mittlerweile, sagt Yurkiw, gelinge es ihr, eine Grenze zu ziehen: zwischen Rennen und Arbeit. "Das Skifahren ist mittlerweile der leichteste Teil. Das sind zwei Minuten Spaß", sagt sie.

Die Kooperation mit anderen kleinen Nationalteams hat großen Anteil an ihrem Erfolg

Mayr, ihr Trainer, hat einmal gesagt: "Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem Larisa nur 99 Prozent gegeben hätte. Damit gibst du auch als Trainer alles." Er hat Beziehungen geknüpft, der Physiotherapeut von Österreichs Ass Marcel Hirscher schickt Konditionspläne, und dann ist da die Kooperation mit den Nationalteams aus Schweden, Norwegen und Deutschland - ein Zusammenschluss kleiner Speed-Nationen, von dem auch Viktoria Rebensburg profitiert, die beste Deutsche. Sie trainieren zusammen, teilen Wissen bei der Pistenbesichtigung, seit einem Jahr. Als würden sich die Fußball-Bundesligisten Hannover, Bremen und Darmstadt verbünden, um dem Establishment beizukommen. "Diese Saison war bislang großartig", sagt Yurkiw, "die Kooperation hat einen großen Anteil." Nach ihrem dritten Platz in Val d'Isère entschloss sich ein Sponsor, auf Yurkiws Helm zu werben, der lukrativsten Quelle für Skirennfahrer. Ihr Jahresbudget, rund 160 000 Euro, ist mittlerweile gedeckt.

Ab und zu, sagt Yurkiw, genieße sie ihre erzwungene Freiheit. Wenn sie binnen fünf Minuten eine Entscheidung treffen kann, zum Beispiel. Sie sei auch viel selbstbewusster geworden, vor allem durch die Erfolge, die sie sich hart erwirtschaftet hat. Die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang sind ein Ziel, klar, aber Yurkiw plant nur noch von Saison zu Saison. "Es sind zu viele Dinge im Fluss", sagt sie. Was nichts Schlimmes sein muss. Yurkiw sagt: "Ich genieße einfach die Zeit, die ich jetzt habe."