Ski alpin Endlich im Flow

Der deutsche Slalomfahrer Dominik Stehle fährt seit mittlerweile neun Jahren Weltcup-Slaloms - in dieser Saison belohnt er sich selbst für seine Ausdauer mit seinen besten Resultaten: Drei Mal schon in diesem Winter fuhr er in die Punkteränge.

Von Marius Buhl

Es gibt einen Unterschied zwischen Sisyphos und dem Skirennläufer Dominik Stehle aus dem Allgäu. Erstgenannter war dazu verdammt, einen Stein einen Berg hinauf zu rollen - doch immer wenn er ihn fast nach oben gewuchtet hatte, rollte der Stein den Berg wieder hinunter, und Sisyphos musste von vorn beginnen. Der Skirennläufer Dominik Stehle hat, symbolisch gesprochen, viele Jahre seiner Karriere ebenso damit verbracht, einen Stein auf einen Berg zu rollen. Doch nun, nach Jahren der Schufterei, ist Dominik Stehle auf dem Berg angekommen - und hält den Stein fest umklammert, sodass er ihm nicht wieder entgleiten kann.

Es war im Jahr 2007, als der damals 21-Jährige erstmals von sich hören machte. Er erfüllte sich den Traum aller Nachwuchsrennläufer und durfte im Weltcup starten, in Kitzbühel, beim berühmtesten Skirennen. Stehle kam nicht ins Ziel, er schied aus. Nun, Ende Januar 2016, startet er wieder beim Slalom in Kitzbühel. Dieses Mal wird die Situation aber eine andere sein. Denn zwischen seinem ersten Auftritt und dem Rennen in diesem Jahr liegen neun Jahre, in denen der inzwischen 29-Jährige aus Obermaiselstein alle Tücken seines Metiers kennen gelernt hat.

Im Aufwärtstrend: Dominik Stehle landet beim Slalom in Santa Caterina als 24. in den Weltcup-Punkterängen, eine Woche später belegt er in Adelboden Platz 14.

(Foto: Christophe Pallot/Agence Zoom/Getty Images)

34 Weltcup-Rennen ist Stehle in diesen neun Jahren gefahren. Fünf Mal hatte er am Ende ein Ergebnis vorzuweisen, 29- mal schied er aus oder erreichte den zweiten Durchgang nicht. Begonnen hat seine Leidenszeit 2009, als er beim Europa-Cup am heimischen Oberjoch stürzte und sofort merkte, "dass etwas faul war". Stehle erlitt einen Kreuzbandriss. Er ließ sich operieren, baute im Sommertraining Muskeln auf und stand bereits im Herbst wieder auf Skiern. Im November riss dasselbe Kreuzband erneut. Es gab Skifahrer, die nach solchen Verletzungen ihre Karriere beendet haben. Weil es schwer ist, wieder Anschluss zu finden, wenn man fast zwei Jahre nicht Skifahren konnte. Weil man irgendwann vom Deutschen Skiverband (DSV) nicht mehr gefördert wird und alles selbst bezahlen muss. Stehle dachte nicht ans Aufhören. Da noch nicht. Den Gedanken, dem Sport den Rücken zu kehren, hatte er erst im Jahr 2014, noch einmal fünf Jahre später. Der Skisport ist ein darwinistischer Wettkampf. Fährt ein Sportler im ersten Lauf zu langsam, darf er im zweiten nicht mehr starten. Dadurch sammelt er keine Punkte und bekommt hohe Startnummern bei den nächsten Rennen. Sind aber Dutzende Fahrer vor einem durch den Lauf gefahren, ist die Piste auf der Ideallinie zerfurcht. "Du kannst dann nicht mehr eng an die Tore hinfahren, musst einen weiten Weg außen rumfahren", sagt Stehle. Er kennt dieses Spiel. Zwischen 2009 und 2014 kämpfte er sich durch Dutzende solch ramponierter Pisten, einmal schaffte er es in Madonna di Campiglio in einen zweiten Durchgang. Erfolge hatte er immer dann, wenn er eine gute Startnummer trug: bei deutschen Meisterschaften oder in der zweiten Liga des Skisports, dem Europa-Cup. Doch Stehle wollte mehr - und verzweifelte daran zunehmend.

Zwischen 2009 und 2014 kämpft er sich durch ramponierte Pisten

So war es kaum verwunderlich, dass er im Frühjahr 2014, nach einer Saison, die er komplett selbst bezahlt hatte, aufhören wollte - und wenn Mathias Berthold nicht gewesen wäre, hätte er das vermutlich auch getan. Der österreichische Coach begann damals seine zweite Amtszeit beim DSV, diesmal als Männer-Bundestrainer. Stehle imponierte Berthold, er holte ihn zurück ins Team - und half ihm, dem Teufelskreis zu entkommen. "Das war damals eine extreme Motivationsspritze", sagt Stehle. Berthold arbeitete einen Plan aus, der so ging: Eine Saison lang sollte Stehle sich auf den Europa-Cup konzentrieren und sich dort herankämpfen. In der nächsten Saison sollte Stehle mit besserer Startnummer unter die besten 30 im Ski-Weltcup fahren. Bisher scheint dieser Plan aufzugehen. Vier Slalom-Weltcups ist er in dieser Saison gefahren, dreimal kam er in den zweiten Durchgang - und erreichte die besten Ergebnisse seiner Karriere. Auf dem schwierigen Hang in Adelboden wurde er am vergangenen Wochenende starker 14. "Es wäre schön, wenn ich diesen Flow noch etwas mitnehmen könnte", sagt Stehle. Es steht ein harter Monat an: Slaloms werden unter anderem in Wengen, Kitzbühel und Schladming gefahren. Wenn Stehle weiter macht wie bisher, wird er Startnummer um Startnummer nach vorne klettern, vielleicht sogar bald unter die besten 30. Und was dann möglich ist, hat er im zweiten Durchgang von Adelboden gezeigt. Dort durfte er als Fünfter auf die Strecke - und fuhr am Ende die siebtbeste Laufzeit.

Natürlich weiß Stehle, dass er bereits im Herbst seiner Karriere ist. Und reich wird man als Skifahrer ohnehin nur, wenn man Weltcups gewinnt, zahlstarke Sponsoren hat, ein Nationalheld wird. So wie der Amerikaner Bode Miller oder Felix Neureuther, mit dem er unzählige Trainingsschichten absolviert hat; die beiden trennen nur eineinhalb Jahre. Daher hat Stehle sich früh entschlossen, nicht alles auf den Skisport zu setzen. "Ich möchte eines Tages nicht mit leeren Händen da stehen." Vor Jahren begann er in Ansbach, "Internationales Management" zu studieren, nach dem Bachelor-Abschluss macht er nun den Master an der Fernuniversität im österreichischen Linz. Doch noch ist sein Fokus ein anderer: "Beim Weltcup-Finale im März dabei zu sein, wäre das Größte."