Ski alpin Abfahrt in Wengen: Kampf gegen die Natur

Plötzlich zu viel von dem weißen Zeug: Streckenarbeiter versuchen, den Schnee in Wengen in den Griff zu bekommen.

(Foto: Jean-Christophe Bott/dpa)
  • Selbst der traditionsreiche Weltcup-Ort Wengen auf fast 1300 Meter Höhe kämpft in diesen Tagen mit dem zu warmen Wetter.
  • Die Organisatoren fürchten, dass sie den Kampf mit dem Klima in Zukunft öfter verlieren werden.
Von Johannes Knuth, Wengen

Ein Brauch beim Lauberhornrennen in Wengen will es, dass Viktor Gertsch, einst Chef des Organisationskomitees, die eine oder andere öffentliche Sitzung mit einem Witz eröffnet. Also, kennen Sie den hier? Ein Bauer aus Wengen fährt mit seiner Frau in die Stadt, sie schlendern an einem Autohaus vorbei. "Gebrauchtwagen oder Neuwagen?", fragt der Händler. Was der Unterschied sei, fragt der Bauer. Ein Neuwagen sei flotter, erklärt der Händler, mit dem fahre man in rund 45 Minuten bis ins benachbarte Adelboden. Mit einem gebrauchten Vehikel benötige man schon eine Stunde. Der Bauer überlegt, berät mit seiner Frau, nein, verfügt er schließlich, man werde sich kein Auto anschaffen. Wieso denn, will der Händler wissen. Na ja, sagt der Bauer, was wolle er denn in Adelboden?

In Wengen ist in diesen Tagen, kurz vor der 86. Ausgabe der Weltcup-Skirennen am Lauberhorn, eigentlich alles wie immer. Der rund 1300 Einwohner starke Ort atmet durch, bevor die Zuschauer ins "Weltcup-Dörfl" drängen. Viktor Gertsch erzählt Witze. Und der Winter hat Bäume und die kleinen, mit dunklem Holz vertäfelten Häuser mit einer dicken Schneedecke überzogen. Wobei, so ganz selbstverständlich ist das mit dem Schnee in diesem Winter ja auch wieder nicht.

Selbst für die Schneekanonen war es zu warm

Das Berner Oberland war zuletzt, wie fast alle Winter-Standorte in Europa, weitgehend von Schnee und Kälte befreit. In Wengen, auf knapp 1280 Metern, kämpften sie lange um ihre Rennen, um die Kombination am Freitag, die Abfahrt am Samstag und den Slalom am Sonntag. "Wir hatten bis zuletzt Schnee ab rund 2000 Metern", sagt Urs Näpflin, der vor zwei Jahren die Geschäfte als OK-Chef von Gertsch übernahm. In Wengen, im unteren Teil der Strecke, war es derart warm und grün, dass sie die Schneekanonen kaum anwerfen konnten.

Sie verschoben den Slalom vom traditionellen Hang in den Zielhang der Abfahrt, zum ersten Mal überhaupt. Am Donnerstag ließen sie die Abfahrer dann erstmals auf die Piste los (der Norweger Aksel Lund Svindal gewann das Training), die Einheiten am Dienstag und Mittwoch waren ausgefallen. Allerdings wegen eines für diesen Winter unerhörten Vorgangs: Es hatte geschneit. So reichlich, dass der Schnee sich wie eine feuchtwarme Decke über die Piste legte - und sie aufweichte. Am Wochenende soll es weiterschneien.

Das Wetter verkürzt die Abfahrten

Der Schnee, den sie herbeigebetet hatten, lässt sie in Wengen also weiter um ihre Rennen zittern, das ist die neue Pointe eines ungewöhnlichen Winters. Näpflin lächelt tapfer, es ist ein eher bemühtes Lächeln. "Die Schneemenge ist nicht so dramatisch", sagt er. "Die größeren Herausforderungen werden Wind und Sicht sein." Am Donnerstag hingen Wolken im oberen Teil der Piste. Die Fahrer fuhren erst beim Hundschopf los, und da es das einzige Training war und im Rennen nur gefahren wird, was trainiert wurde, müssten sie am Samstag eine verkürzte Abfahrt bestreiten. Außer, sie setzen für den oberen Abschnitt noch mal ein extra Kurztraining an.

Langfristig sorgen sie sich in Wengen aber ohnehin um die Wärme, die immer häufiger in den Januar kriecht, immer näher an ihre Rennen heran. Sie werden in Zukunft wohl auch hier öfter mit dem Wetter ringen, es dürfte ein Kampf werden, den sie immer öfter verlieren werden.

Der Winter kommt erst im März

"Die Natur", sagt Näpflin, "setzt uns klare Grenzen." Die Zeitfenster, in denen es kalt ist und sie Schnee produzieren können, werden kleiner. "Da braucht es vielleicht mehr Ausweichorte. Wir müssen auch eine größere Flexibilität in den Programmablauf kriegen", sagt Näpflin. Der Winter komme schon noch nach Europa, "aber er verschiebt sich immer mehr in den März", hat er beobachtet. Im März sind die Verhältnisse teils bestens, aber der Weltcup hat sein Bühnenprogramm da längst aufgeführt. "Da sind die Leute wieder mit Frühling beschäftigt", sagt Näpflin, auch er weiß ja: "Die Schaufenster im März sind vollgestopft mit Frühlingskleidern."

Der Winter, den hat die Industrie von November bis Februar eingeplant, mit dem dramaturgischen Höhepunkt im Januar. Dann, wenn immer seltener Schnee fällt.