Skandale in Leichtathletik und Fußball Wie verkommen der Spitzensport ist

Meilensteine des internationalen Sportbetrugs: Ben Johnson beim 100-Meter-Finale in Seoul, gedopte Tour de France-Fahrer, Sepp Blatters kollabierendes Fifa-Imperium

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Staatsdoping in der Leichtathletik, der Fußball in der Krise: Der Sport erodiert auf allen Ebenen.

Kommentar von Ralf Wiegand

Ein Blick ins Geschichtsbuch des Sports, 24. September 1988, Seoul, Olympische Spiele. Ben Johnson gewinnt das größte Rennen aller Zeiten über 100 Meter, Weltrekord. Drei Tage später wird er überführt, anabole Steroide genommen zu haben. Der König der Leichtathleten, nur ein Betrüger. In den Jahren darauf werden weitere fünf der acht Finalisten mit Doping in Verbindung gebracht. Größtes Rennen aller Zeiten? Der schottische Journalist Richard Moore hat ein Buch darüber geschrieben: "The Dirtiest Race in History". Das dreckigste Rennen der Geschichte.

Die Dimension der Krise des Sports wird derzeit nicht am Zustand des Weltfußballverbands Fifa deutlich, an dem sich das FBI abarbeitet. Auch nicht an der deutschen Affäre um 6,7 Millionen Euro und der Frage, wer sie wie wann wohin transferiert hat, und wofür. Nein, die große Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise des Sports scheint auf in den Vorgängen um den Leichtathletik-Weltverband und das russische Doping-System, das die Welt-Anti-Doping-Agentur gerade beschrieben hat. Dieser Skandal ergießt sich wie ein zäher Brei aus Korruption, Staatsdoping, Erpressung und Kontrollversagen in den Sport. Helmut Digel, Ehrenpräsident des deutschen Leichtathletik-Verbandes, hält ihn für "viel schlimmer als Ben Johnson". Schlimmer als das dreckigste Rennen aller Zeiten. Also sehr schlimm.

Ein Papier, das alles verändert

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Man könnte sagen: Na und? Es gibt ein Leben ohne Sepp Blatter, es wird eines ohne Wolfgang Niersbach geben, es gab eines ohne Tour de France im Fernsehen, nachdem sich der Radsport mit seinem System-Doper Lance Armstrong zerlegt hatte. Es wird eines ohne russische Leichtathleten geben, falls sie für alle Wettbewerbe gesperrt werden. Man könnte jeden Vorgang in dieser Scheinwelt für banal halten.

Hamburg muss sich fragen, ob es wirklich Olympische Spiele will

Sport ist aber nicht banal. Es gibt Werte, die etwas wert sind. Teamgeist, Respekt, Regelakzeptanz, Verantwortung, Fair Play. Und fürs Publikum: Spaß, Spannung, Ablenkung, Tradition, Identifikation - gerade in aufgewühlten Zeiten. Politiker wissen diese Kraft des Sports zu schätzen, manche Kanzlerschaft bemisst sich nicht in Legislaturperioden, sondern in der Spanne zwischen zwei Finalteilnahmen.

Wenn der Sport, wie jetzt, auf allen Ebenen erodiert, das Bild sich rundet, kommt zum Werteverfall der Wertverlust. Das wird dem Sport allmählich substanziell gefährlich. Etwa in der Leichtathletik: Akzeptiert der Verband das Ausmaß des Skandals, muss er Russland bannen und sich von einem großen Markt verabschieden. Tut er es nicht, muss sich etwa eine Stadt wie Hamburg fragen, ob sie wirklich Olympische Spiele veranstalten will, deren Kernsport diese Leichtathletik ist. Bahn frei für Systembetrüger? Eher nicht.

Fließt weniger Geld, wird das aber auch ganz unten fehlen, wo sich fleißige Übungsleiter mühen, damit dicke Kinder dünner werden und schwache stärker. Das sollte die eigentliche Verantwortung des Spitzensports sein. Allerdings weiß man das schon seit dem dreckigsten Rennen der Geschichte. Sauber geworden ist der Sport nicht.