Von Von Henrik Bork

Ein Besuch beim Abt eines Shaolin-Klosters, der erstaunliche Parallelen zwischen der WM und Zen entdeckt.

Auch ein Kung-Fu-Mönch braucht was zu knabbern, wenn im Fernsehen Fußball läuft. "Sonst bin ich zu aufgeregt", sagt Shi Yongxin und greift in eine Schale mit Melonenkernen.

Anzeige

Dazu trinkt er Pu-Erh-Tee aus einer Schale. Shi Yongxin ist Chinas wichtigster Fußball-Fan. Kürzlich hat er eine Einladung von Fifa-Präsident Sepp Blatter erhalten, sich das Endspiel der Fußball-WM in Berlin von der VIP-Tribüne aus anzusehen.

Mit seinem kahlgeschorenen, ründlichen Schädel, seiner senfgelben Kutte und seinem Gebetskranz sieht Shi Yongxin aus wie ein gewöhnlicher Mönch. Doch Shi ist der Abt des Shaolin-Tempels in der chinesischen Provinz Henan. Damit ist der 41-Jährige der Herr über Chinas berühmte Kung-Fu-Mönche.

Und da sich die Marke "Shaolin-Kungfu", bekannt aus Kino (Jet Li!) und Fernsehen, blendend verkauft, ist der Abt längst eine nationale Berühmtheit. Erst vor ein paar Wochen war der Kampfsportfan Wladimir Putin zu Besuch.

Am Fuß der malerischen Song-Berge, hinter einem Gingko-Baum, führt eine tausendjährige Steintreppe durch ein geschwungenes Tor ins Innerste des Shaolin-Tempels. Junge Mönche fegen den Innenhof, andere zünden Räucherstäbchen an. Auf dem Übungsplatz neben der Tempelmauer trainiert ein Kungfu-Mönch mehrere hundert Schüler. So haben das die Shaolin-Mönche seit 1500 Jahren gemacht. Das Fußball-Fieber ist hier allerdings völlig neu.

"Manche meiner Mönche schauen die WM-Spiele, aber ich passe auf, dass sie nicht süchtig danach werden", sagt Shi Yongxin. Denn die Live-Übertragungen der Spiele laufen hier wegen der sechsstündigen Zeitverschiebung mitten in der Nacht. Um vier Uhr früh aber beginnt schon wieder der Arbeitstag eines Shaolin-Mönches.

"Da bleibt nach dem Fußballspiel keine Zeit mehr zum Schlafen", sagt der Abt. Er selbst aber schaut jedes Spiel, seit er weiß, dass er nach Berlin fliegen wird. Bei Deutschland-Argentinien hat er bis zum Ende der Verlängerung mitgezittert, obwohl das bis kurz vor zwei Uhr morgens Ortszeit dauerte. Ein großer Berg ausgespuckter Melonenkernschalen auf dem Tisch zeugt davon, dass es bis zuletzt spannend war.

"Ehrlich gesagt verstehe ich nicht viel von Fußball. Ich spiele nicht selbst, und bis vor kurzem habe ich auch noch nie ein Spiel gesehen", sagt Shi. Die Einladung Blatters hat ihn überrascht. Sie habe ihn über den deutschen Ableger des Shaolin-Tempels erreicht, den ein deutscher Schüler der geschäftstüchtigen Mönche seit fünf Jahren in Berlin betreibt.

Der Abt selbst ist ein angesehener Kungfu-Meister. Doch seit die Einladung zum Endspiel auf seinen Schreibtisch im Abt-Büro hinter der Tempelhalle geflattert ist, hat Shi Yongxin viel über Fußball nachgedacht.

"Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Fußball und Kungfu", sagt er. "Beides sind kämpferische Sportarten, bei der sich Gegner gegenüberstehen. Bei beiden wird darauf geachtet, dass niemand absichtlich verletzt wird. Und bei beiden Sportarten ist der Teamgeist sehr wichtig. Ein Kungfu-Mönch alleine kann seine Gegner nicht besiegen. Und wenn jeder Fußballer den Ball nur selbst ins Tor schießen will, dann wird das auch nichts, nicht wahr?" Wie wahr, wie wahr.

Bislang spielen die Mönche in Shaolin keinen Fußball. Der Kinofilm "Shaolin-Soccer" des Hongkonger Regisseurs Stephen Chow, in dem sich elf Kungfu-Mönche mit ihrer Kampfsport-Akrobatik auf einem Fußballplatz austoben, ist reine Fiktion.

"Das ist nur ein Witz", sagt Shi Yongxin. "Aber wenn meine Mönche nach dieser WM Fußball spielen wollen, werde ich es ihnen nicht verbieten. Solange sie das Beten nicht vernachlässigen."

Unweit seines Shaolin-Tempels hat der Abt ein rund 2000 Jahre altes Steinrelief gefunden, auf der eine Figur nach etwas tritt, das verdächtig nach einem Fußball aussieht. "China ist eines der Länder, in denen schon sehr früh Fußball gespielt wurde", sagt Shi.

Zum Beweis hält er eine Tusche-Abreibung des Reliefs empor. Da kickt einer, keine Frage. Sollten die Chinesen also auch noch den Fußball erfunden haben, wie Kungfu, das Papier, den Kompass. . .? Natürlich wisse niemand mehr, nach welchen Regeln da gekickt wurde, gibt der Kungfu-Mönch zu.

Nach Berlin reise er in seinen Funktionen als "Vertreter der chinesischen Buddhisten" und als "Vertreter des Shaolin-Kungfu", sagt der Abt. Auch sei die Einladung eine "Anerkennung des Reform- und Öffnungspolitik Chinas und der weltweiten Popularität des Shaolin-Kungfu".

Das klingt ein wenig nach Verteidigung gegen seine Kritiker, die in der WM-Reise eine für einen buddhistischen Klostervorsteher unpassende Beschäftigung sehen könnten.

Doch Shi Yongxin ist ein moderner Mönch, der fast pausenlos über sein Handy telefoniert und in Shaolin ein ganzes Wirtschaftsimperium aus erfolgreichen Kungfu-Schulen, Filmstudios und Hotels aufgebaut hat.

"So eine Fußball-WM ist auch ein interkulturelles und interreligiöses Friedensfest. Damit ist sie ideell von den Idealen des Zen-Buddhismus und des Shaolin-Kungfu nicht weit entfernt", sagt der politisch mit allen Wassern gewaschene Mönch.

Auch den plebejischen, gleichmachenden Charakter des Fußballs hat der Shaolin-Abt daher seit Beginn der WM entdeckt. "Beim Endspiel werden ganz einfache Bürger und Staatsführer gemeinsam im Stadion sitzen. Das erinnert mich an die Mahnung Buddhas, alle menschlichen und tierischen Wesen als gleichwertig anzusehen."

Ach ja, für die deutsche Mannschaft hat er vor dem Endspiel noch einen Tipp. "Ich empfehle Zen-Meditation. Das könnte ihnen helfen, den materiellen Aspekt des Fußballs zu vergessen", sagt Shi. Und er drückt die Daumen. "Wir hoffen hier alle, dass Deutschland in der letzten Runde einen guten Platz belegen wird", sagt der Shaolin-Abt. Kann jetzt noch was schiefgehen?

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 4.7.2006)