Severin Freund vor der Vierschanzentournee "Ich gehöre zu denen, die gewinnen können"

Stabile Flugposition: Severin Freund.

(Foto: dpa)
  • 13 Jahre nach Sven Hannawalds Gesamtsieg fühlen sich die Deutschen wieder reif für einen Sieg bei der Vierschanzentournee.
  • Im Fokus steht Severin Freund. Er ist endgültig in die Führungsrolle des DSV-Teams hineingewachsen - sportlich wie menschlich.
  • "Ich gehöre zu denen, die die Tournee gewinnen können", sagt Freund.
Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Theoretisch gibt es sehr viele Rädchen, an denen ein Sportler, der gewinnen will, drehen muss. Ein Skispringer muss an den Rädchen des Materials drehen, zum Beispiel die Bindung optimieren. Oder er muss an den Rädchen seiner Sprungkraft kurbeln, aber auch nicht zu viel, sonst verliert er das Feingefühl für die Justierung der Tragflächen in der Luft. Überhaupt muss er auch seine Außenwirkung richtig abmischen, Interviews geben, aber auch nicht zu viel, sonst wird er noch falsch verstanden, und dann macht er sich vielleicht Gedanken beim Anlauf.

Das Rädchendrehen ist immer ein Thema vor dem großen Saisonhöhepunkt, aber der Skispringer Severin Freund vom WSV Rastbüchl sagt kurz vor dem Start der Vierschanzentournee über das Siegen: "Ich muss an keinem Rädchen mehr drehen. Es muss nun zu mir kommen."

Selbstbewusst wie seit Hannawald nicht mehr

Die Mannschaft von Bundestrainer Werner Schuster ist so selbstbewusst wie seit den Zeiten von Sven Hannawald nicht mehr, der 2002 die Tournee gewonnen hatte. Danach war sie zeitweise fast abgeschlagen, seit 2009 holte immer ein Österreicher den Gesamtsieg. Nun hat das Team des Deutschen Skiverbandes längst schon einen Aufschwung nachgewiesen, zuletzt dokumentiert durch den Mannschaftssieg bei den Olympischen Spielen in Sotschi. Und doch ist Schusters Werk noch nicht vollendet. "Es wäre mal Zeit für einen großen Einzeltitel", hat er schon vor der Saison erklärt. Für den Optimismus, dass am übernächsten Dienstag in Bischofshofen einer seiner Springer den Gesamtsieg der 63. Tournee holt, gibt es durchaus Gründe. Das liegt an der Konkurrenz, an der Reife des gesamten Teams und natürlich am Rastbüchler Severin Freund und seiner entspannten Haltung.

Freund führt schon länger offiziell das deutsche Team an. Seit diesem Jahr aber füllt er diese Leaderrolle mit gesteigertem Selbstbewusstsein und weit strahlender Zuversicht aus. Der 26-Jährige springt selbstbewusst und zuverlässig, die jungen Kollegen ergänzen die Gesamtleistung, was wiederum das Selbstvertrauen von Freund stärkt. In Sotschi sprangen Freund, Andreas Wellinger und Marinus Kraus zu Gold, in Harrachov wurde Freund Skiflug-Weltmeister.

Als sich Anfang Dezember Wellinger in Kuusamo verletzte und für die Tournee ausfiel, da war das für den 19-Jährigen ärgerlich, dennoch fing sich das Team schnell. Markus Eisenbichler machte seine ersten Schritte in Richtung eines Topspringers, und Richard Freitag, so schien es, gelang der letzte noch fehlende Schritt in die oberste Klasse. Eisenbichler landete in den ersten Weltcupstationen des Winters regelmäßig unter den Top Ten, Freitag zeigte mit seinem Sieg bei der Vierschanzen-Generalprobe in Engelberg, dass er eine erste größere Formkrise endgültig gemeistert hat. "Severin Freund ist in der Verfassung, um den Gesamtsieg mitzuspringen, Freitag kann den Kreis der Favoriten ins Wanken bringen", sagt Schuster. - "Dieser Sieg gibt Selbstvertrauen", sagt Freitag. - "Ich gehöre zu denen, die die Tournee gewinnen können", sagt Freund.