Champions League Juve: "Erfolgreich nur zu Hause, in Europa unter ferner liefen"

Im Blindflug: Turins Sami Khedira (links) und Sassuolos Diego Falcinelli

(Foto: AFP)

Vor dem Achtelfinalrückspiel gegen den FC Bayern wird Juventus Turin in der Heimat verspottet. Doch die Mannschaft fühlt sich durch einen Uraltrekord moralisch gestärkt.

Von Birgit Schönau, Rom

Das 1:0 gilt in Italien als klassisches Juve-Ergebnis. Ein Tor wird erzielt, die Führung verwaltet, drei Punkte werden eingestrichen, und man darf weiterhin vom Tabellengipfel auf das sich unten mühende Fußvolk schauen. So entfaltet sich Piemonteser Minimalismus, aber weil nicht jedes 1:0 ist wie das andere, gibt es zum aktuellen Fall dieses Lieblingsresultats, am Freitag gegen Sassuolo, durchaus mehr zu sagen. Der Sieg ist wichtig für die Moral vor dem Achtelfinal-Rückspiel an diesem Mittwoch beim FC Bayern. Und er unterstreicht die Bedeutung von zwei Juve-Protagonisten, die unverzichtbarer und unterschiedlicher nicht sein könnten.

Da wäre erstens Kapitän Gianluigi Buffon, der im Hinspiel von den Bayern zwei Treffer kassierte, in der Liga aber gegen Sassuolo einen uralten Rekord seines großen Vorbilds und Vorgängers Dino Zoff übertraf: Seit 926 Minuten ist Buffon in der Serie A ohne Gegentor, Zoff brachte es vor 43 Jahren auf 903 Minuten, und es wird wohl auch die bisherige Spitzenmarke von Sebastiano Rossi fallen, der vor 22 Jahren im Tor des AC Mailand 929 Minuten lang gegentorlos blieb.

Anhänger des Defensivfußballs sind ja nördlich der Alpen nicht ganz so zahlreich, und natürlich könnte man jetzt wieder sagen: Typisch Juve, da sammeln die Torhüter Rekorde und vorne spielt sich nicht viel ab. Ungefähr so sieht es Arrigo Sacchi, der als emeritierter Hohepriester des schönen Spiels in seiner Heimat regelmäßig die lieben Trainerkollegen abkanzelt, weil die keinen Wert auf Ästhetik legen, so lange das Ergebnis stimmt. Juve-Coach Massimiliano Allegri ist Sacchis Lieblingskandidat und musste sich jetzt anhören, Juve sei eine Art italienisches Rosenborg Trondheim: "Erfolgreich nur zu Hause, in Europa unter ferner liefen!" Angesichts der Tatsache, dass Allegri im Vorjahr das Champions-League-Finale erreicht hat, war das natürlich eine kleine Unverschämtheit, die dünnlippig von ihm so quittiert wurde: "Sacchi ist ein Guru des Fußballs, wenn er spricht, hören wir ihm alle zu. Ich habe ihn gern, er ist ja nun auch bald 70 . . .". Aber Nervensägen gehen ungern in Pension.

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Wie wohltuend hingegen der alte Zoff, der mit 74 Jahren großzügig Komplimente an Buffon austeilte - auch weil ein zweiter Rekord des großen Dino unerreicht bleiben dürfte: 330 Spiele ohne Pause im Juve-Tor, das wird wohl niemand mehr in Italien übertreffen, auch nicht aus der weiten Fußballwelt ist solches Stehvermögen in der heutigen Zeit überliefert. Das Schwierigste sei es, gestand Zoff nun, hinten nicht einzuschlafen, wenn der Gegner sich lange nicht blicken ließe. "Um konzentriert zu bleiben, habe ich deshalb immer laut den Kommentar zum Spielgeschehen gesprochen, wie ein Radioreporter." Der große Schweiger Zoff - ein Radio! Die Fußballwelt ist voller Wunder. Ob Buffon das auch macht?

Gegen die Bayern kaum, aber gegen Sassuolo wäre es denkbar gewesen: "Pass von Juan Cuadrado auf Paulo Dybala am Strafraum. Dybala schlenzt den Ball mit links, ein pflaumenweicher Lupfer. Tooor!"

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Womit man beim zweiten Protagonisten wäre: Paulo Dybala, 22, Schütze des Siegtors gegen Sassuolo, ist knapp 16 Jahre jünger als das Monument Buffon und Argentinier wie die beiden Riesen Messi und Maradona. Ihn mit denen zu vergleichen, wäre übertrieben. Und doch beweist Dybala, dass auch Samtfüße bei Juve Platz finden. Und dass ein 1:0 kein bloßer Arbeitssieg sein muss, wenn Spieler wie er dabei sind, denn für glanzvolle Momente können bei aller Kärrnerarbeit hinten Sekunden reichen. Dybala hofft, dass es auch am Mittwoch so sein wird. Und Manuel Neuer täte gut daran, diese supercoole Nummer des Dinosauriers Zoff gar nicht erst zu versuchen. In manchen Dingen sind Italiener einfach unschlagbar.