Griechenland stürzt Titelverteidiger Frankreich mit einem 1:0 - Angelos Charisteas öffnet das Tor ins Halbfinale und Otto Rehhagel wird endgültig zum Fußballgott.
Ein Deutscher hält aus bei dieser Europameisterschaft, ein Kind der Bundesliga, wie er sich selbst nennt. Aber jetzt, als Halbfinalist mit der griechischen Mannschaft, heißt er wohl endgültig Rehhakles und ist ein griechischer Fußballgott - ein erfolgreicher Fußball-Bundesligatrainer war er in seinem früheren Leben.
Angelos Charisteas (l) jubelt mit seinem Teamkameraden Traianos Dellas über den Treffer zum 1:0. (© Foto: dpa)
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Seine 65 Jahre sieht Otto Rehhagel kein Mensch an, am Freitag wirkte er noch ein Stückchen jünger, weil er den Friseur aufgesucht hatte und mit einer schnittigen Kurzhaarfrisur das Spiel seiner Hellenen überwachte, die den haushohen Favoriten und Titelverteidiger Frankreich mit einem 1:0 aus dem Turnier warfen - mit einem Tor eines Bundesliga-Ersatzstürmers, noch eine Ironie dieses denkwürdigen Abends.
Angelos Charisteas, Reservist beim deutschen Fußballmeister Werder Bremen, von Rehhagels früherem Klub, erzielte den entscheidenden Treffer in der 65. Minute.
Während der Deutsche Fußball-Bund nach dem Aus in der Vorrunde einen neuen Teamchef sucht, feierte Rehhagel den größten Erfolg seiner Karriere. Und er bescherte dem griechischen Verband seinen größten Erfolg.
Die Griechen standen noch nie in einem Viertelfinale bei einem großen Turnier. Sie hatten, nebenbei, auch noch nie gegen Frankreich gewonnen. Rehhagel rührte, wie immer bei dieser EM, griechisch-deutschen Beton an, um die Bilanz zu schönen.
Libero Dellas räumte ab, vor ihm werkelten zwei Manndecker, von denen einer, Seitaridis, sich an die Fersen des gefürchteten Thierry Henry heftete.
Das Mittelfeld stand tief gestaffelt, vorne lauerte Charisteas. Solide Defensive, schnelle Konter, das mögen die Franzosen am allerwenigsten, darauf vertraute auch Rehhagel.
Dass er damit aber 90 Minuten lang den Franzosen Paroli bieten würde, glaubte er vorher wohl selbst nicht.
Die Franzosen steckten von Anfang an in Schwierigkeiten. Vom Anstoß weg knüpften sie an die schwerfällige Gangart der drei Vorrunden-Begegnungen an, die sie nur phasenweise im ersten Gruppenspiel gegen England und im letzten gegen die Schweiz abgelegt hatten.
Gestern fehlte ihnen Patrick Viera von Arsenal London wegen einer Oberschenkelzerrung - natürlich eine gewaltige Schwächung, aber die Franzosen schöpfen personell aus den Vollen wie keine andere Mannschaft - kam eben Olivier Dacourt vom AS Rom, der zusammen mit Claude Makelele das defensive Mittelfeld bildete.
Auf der rechten Außenbahn ersetzte William Gallas den Bayern-Verteidiger Willy Sagnol, dessen Unterarm erneut in Gips liegt. Auf ein paar Namen kommt es bei den Franzosen nicht an. Sie haben ganz offensichtlich irgendwann vor dem Turnier ihren Rhythmus verloren.
Der Verdacht liegt nahe: Das Selbstvertrauen war in Arroganz und dann irgendwann in Verunsicherung umgeschlagen. So ist eine große Ära des französischen Fußballs zu Ende gegangen.
Nikolaidis hatte nach einer Kopfballstafette den ersten Torschuss des Spiels abgegeben, traf aber nur in die Arme von Fabien Barthez. Eine Minute später jubelten die griechischen Zuschauer schon.
Nach einem Freistoß von Karagounis stocherte Katsouranis den Ball aufs Tor; Barthez drückte die Kugel an den Innenpfosten und kramte ihn aus dem Tor - zur Hälfte, aber eben nicht ganz hatte der Ball die Linie überschritten, wie Fernsehbilder nahelegten.
Das Spiel des Titelverteiders in Halbzeit eins kann man getrost vergessen, mit Ausnahme der 25. Minute, die an die gute, alte Zeiten erinnerte. Pass Zidane, Flanke Lizarazu, Kopfball Henry, doch der strich haarscharf über die Latte.
Fyssas zwang Barthez kurz vor der Pause mit einer tückischen Bogenlampe zu einer Parade. Dann durfte Rehhagel zufrieden in die Kabine trippeln. Pause.
Henrys Seitfallschuss knapp neben den Pfosten sollte unmittelbar nach der Pause das Signal sein, den Angriff zu forcieren. Lizarazu stürmte in den Strafraum, ohne zum Abschluss zu kommen (57.), wenig später wurden Trezeguet und Gallas im letzten Moment gestoppt.
Die französische Welle schien nun doch zu rollen, aber wirklich beeindruckt waren die Griechen nicht, im Gegenteil. Zagorakis ließ Lizarazu am Flügel mit einem Lupfer mühelos stehen und fand mit seiner Flanke den Kopf von Charisteas. 1:0. Der rammte die Kugel mit Wucht ins Netz (65.).
"Frankreich ist die beste Mannschaft der Welt, für uns wird es ein Jahrhundertspiel", hatte Charisteas vor dem Spiel geschwärmt. Nun sollte er das Jahrhundertspiel entscheiden.
Natürlich berannten die Franzosen nun mit Wut und Grimm das Tor der Griechen. Fast im Minutentakt zischte die Kugel auf das Tor von Nikopolidis. Schuss Saha (75.), Schuss Henry (76.), kurz darauf wieder Saha, aber alles zu matt.
Thierry Henrys Kopfball in der 87. Minute, eine Mega-Chance, flog nur um Millimeter am linken Pfosten vorbei. Sollte es Zinedine Zidane noch einmal richten, wie gegen England? Nichts zu sehen von ihm.
Fahrig dribbelte er durchs Mittelfeld, ein Schatten seiner selbst bis zum bitteren Ende. Der beste Fußballer der Welt, die vermeintlich bestbesetzte Mannschaft der Welt - an diesem Tag ein Opfer von Rehhagel und seinen Griechen.
Nach dem Schlusspfiff winkte Rehhagel in seiner unnachahmlichen Art ins Publikum. Wird er nun auch noch Europameister? Ausschließen sollte man jetzt gar nichts mehr.
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