Selbstmord von Robert Enke Was uns umgibt

Der Tod von Nationaltorwart Robert Enke wirft unangenehme Fragen auf: Mangelt es unserer Gesellschaft an Mitgefühl? Oder nur dem Fußball?

Ein Kommentar von Christian Zaschke

Der Schriftsteller David Foster Wallace hat im Jahr 2005 einen Vortrag vor Studenten gehalten. Er begann ihn, wie das bei solchen Gelegenheiten in den USA üblich ist, mit einer Anekdote.

Sie geht so: Diese beiden jungen Fische schwimmen vor sich hin, da treffen sie einen älteren Fisch, der in die andere Richtung schwimmt und den beiden zunickt und sagt: "Guten Morgen, Jungs, wie ist das Wasser?" Und die beiden jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, bis schließlich einer zum anderen schaut und fragt: "Was zum Teufel ist Wasser?"

Die unmittelbare Bedeutung dieser Geschichte ist laut Wallace natürlich die, dass die offensichtlichen, allgegenwärtigen und wichtigsten Dinge oft diejenigen sind, die zu sehen am schwierigsten ist, über die zu sprechen am schwersten fällt. Aus diesem Motiv entwickelt Wallace ein wunderbares Plädoyer für eine mitfühlende, für eine fürsorgliche Gesellschaft.

Der Schriftsteller Wallace und der Fußballer Enke sind nun verbunden in der Art ihres Todes. Wallace litt unter Depressionen, 2008 hat er bewusst einen Moment abgepasst, in dem er allein im Haus war, er hat so getan, als ginge es ihm gut, und dann hat er sich erhängt, weil er das Leben nicht mehr ausgehalten hat.

Auch Enke litt unter Depressionen, auch er hat so getan, als ginge es ihm gut, und dann hat er sich am Dienstag von einem Zug überfahren lassen, weil er das Leben nicht mehr ausgehalten hat.

Während Wallace jedoch - verknappt gesagt - unter einer Art von Depression litt, die ohne erkennbare Ursache auftritt, litt Enke laut seinem Arzt wohl unter einer Form der Depression, die als Reaktion auf belastende Ereignisse eintritt. Das führt zu der unangenehmen Frage, ob Enke auch deshalb gestorben ist, weil wir eben nicht in dem leben, was Wallace entworfen hat: einer mitfühlenden, einer fürsorglichen Gesellschaft.

Mindestens für den Profisport, hierzulande besonders für den Fußball, lässt sich tatsächlich die vorsichtige Frage stellen, wie weit oben Mitgefühl und Fürsorge im Wertekatalog stehen. Enke hat seine Krankheit nicht öffentlich gemacht, weil er Angst hatte. Angst, nicht mehr Fußball spielen zu können - denn im Fußball gibt es keine Erfahrung im Umgang mit Schwäche. Er hat darüber hinaus - offenbar irrigerweise - befürchtet, die Adoptivtochter zu verlieren, weil er dachte, die Ämter könnten einem depressiven Vater das Sorgerecht entziehen.

Es wäre unsinnig und falsch, irgendwem eine konkrete Schuld an Enkes Tod zuzuweisen. Er führt uns jedoch auf brutale Weise vor Augen, dass wir uns in allen Bereichen des Lebens, auch im Profisport, beständig daran erinnern müssen, was Wasser ist: Es ist das, was uns umgibt und am Leben erhält, und wir, jeder einzelne, sind Teil davon, umgeben einander und erhalten am Leben.

So viele Menschen sind von Enkes Tod in besonderer Weise bewegt, weil sie spüren, dass Enke für diese Werte stand, dass er ein Mensch voller Mitgefühl war, ein fürsorglicher Mensch. Es berührt sie, manche im Innersten, dass gerade ein Mensch, der diese Werte lebte, keinen anderen Weg mehr sah als den in den Tod.

Einerseits war der Sport Enkes "Lebenselixier", wie seine Frau Teresa sagte. Doch andererseits ist es richtig, dass der Deutsche Fußball-Bund das Länderspiel am Samstag gegen Chile abgesagt hat, denn das ist das Mindeste, was der Tod Robert Enkes von uns verlangt: trauernd innezuhalten.

Der andere Torwart

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