Von Philipp Selldorf

In der Nationalelf ist er gesetzt, doch beim FC Bayern oft nur Komparse: Sebastian Deisler geht extreme Wege.

Gemessen daran, dass die Nationalspieler noch am Montag abend in einem Grundsatzreferat erfahren haben, welche Qualen der Sturm auf den Gipfel bedeuten kann, ist es ihnen auf ihrer jüngsten Reise im Namen Fußballdeutschlands wieder ziemlich gut ergangen.

Genießt die Reisen mit der Nationalmannschaft: Sebastian Deisler (© Foto: dpa)

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In jenem von Teammanager Oliver Bierhoff arrangierten Vortrag hatte ihnen der Extrembergsteiger Stefan Glowacz seine Expeditionen aus den mexikanischen und zentralasiatischen Kletterreichen geschildert, "sehr beeindruckend", wie Sebastian Deisler fand, und vom Fußballerpublikum goutiert: "Er hat auch sehr starken Applaus bekommen nach den anderthalb Stunden."

Deisler erkannte sogar gewisse Parallelen, womit sich die erzieherische Absicht der Teamleitung prompt erfüllte. Auch der Weg zur WM sei ja in gewisser Weise "eine abenteuerliche Geschichte", schlussfolgerte Deisler, schränkte jedoch klugerweise ein: "Aber wenn man sieht, dass er eine Woche mit zwei anderen Leuten im Zelt verbracht hat, draußen Wirbelsturm und Schneesturm, dann ist das nicht ganz so vergleichbar."

Zumal wenn man dann sieht, wohin die Expeditionen der Nationalmannschaft führen: Diesmal bezogen sie ihre Unterkunft in einem alten ottomanischen Sultanpalast, direkt am glitzernden Bosporus, in einem Reich aus Plüsch, Marmor, Kristall und Goldblatt.

Viel Kitsch, aber auch viel Luxus. Da relativiert sich der Zusammenhang von Leid und Leidenschaft, den Glowacz skizziert hat. Deisler sagt: "Hier bei uns heißt leiden bloß: ständig unterwegs sein, weg von der Familie, und das Privatleben bleibt ein wenig auf der Strecke. Aber das Ziel - eine WM im eigenen Land - entschädigt für alles."

Wichtiges Testspiel

Auf dem Weg zu diesem Fixpunkt im Juni 2006 ist das Testspiel, das am Samstag in Istanbul steigt (20 Uhr/ live im ZDF), eine wichtige Etappe; so viele wird es schließlich nicht mehr geben, und besonders Deisler mag das bedauern. Länderspiele sind ihm umso wichtiger, je schwieriger der Alltag beim FC Bayern ist.

Und dieser Alltag im Wettkampfbetrieb war für den 25-jährigen Mittelfeldspieler zuletzt ziemlich mühselig, in München verbrachte er viel Zeit auf der Reservebank, worüber er sich aber nicht beklagen möchte, denn auf dem Rasen konnte er seinen Trainer nicht überzeugen.

"Es gibt einfach manchmal Phasen, die wie verflucht sind, in denen nichts klappt und einem kein Ball im Sechzehner glücklich vor die Füße fällt", sagt Deisler, womit er seinen sportlichen Stand recht gut beschrieben hat. Auf ein zündendes Erfolgserlebnis wartet nicht nur er selbst, sondern auch Felix Magath.

Als Deisler neulich gegen Wolfsburg 90 Minuten mitspielte, wunderten sich die Beobachter, dass sie ihn dabei kaum entdecken konnten. Da war er nämlich von dem einen Extrem ins andere geraten. Hatte man bisher bei seinen Einsätzen den Eindruck, er verliere sich vor lauter Übereifer im Aktionismus, nahm er diesmal am Geschehen nur als Komparse teil.

Deislers Gratwanderung

Deisler sieht sich daher derzeit auf einer "Gratwanderung, wenn ich ins Spiel komme und versuche, etwas zu machen: Man findet dann manchmal nicht das richtige Maß zwischen Ruhe und Gas geben."

Magath wird es gerne hören, dass Deisler die Lage so selbstkritisch einschätzt und sich stetig selbst zur Geduld ermutigt, anstatt über angeblich mangelnde Hilfe des Trainers zu wehklagen. "Ich möchte auch nicht zu sehr vom Trainer abhängig sein", sagt Deisler, "es gilt, die eigenen Stärken wiederzufinden."

FC Bayern fühlt wegen Vertragsverlängerung vor

Von diesen Stärken, die in den Problemen und Komplikationen der vergangenen Jahre nur gelegentlich zum Ausdruck kamen, ist man sowohl beim FC Bayern wie in der National elf weiterhin überzeugt. Während der Verein Kontakt aufgenommen hat, um den im nächsten Sommer auslaufenden Vertrag zu verlängern, leiten die Verantwortlichen der Nationalelf ihr Vertrauen aus der exzellenten Arbeitsmoral und den unverändert hohen Anlagen zum Ausnahmefußballer ab.

"Absolut zufrieden" sei man mit Deisler, sagt Trainer Joachim Löw und hebt die athletischen Spitzenwerte und "guten genetischen Voraussetzungen" des Spielers hervor: "Schnelligkeit, gute Koordination, gute Kondition." Zum Training und zur Gymnastik muss Deisler nicht überredet werden. "Ein Fahrrad muss man vorher auch aufpumpen, bevor es fährt", sagt er.

Reicht das? Löw bringt mit seiner milden Rhetorik in Erinnerung, "dass es noch Steigerungsmöglichkeiten gibt", und auch beim FC Bayern ist die Personalie Deisler kein einfaches Thema. Sein laufender Vertrag ist außerordentlich hoch dotiert, angeblich höher als der von Michael Ballack. Bei Ballack sind die Münchner zu weiteren Zugeständnissen bereit, bei Deisler offenkundig nicht.

Wenn Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge erklärt, die offenen Vertragssachen nun beschleunigt erledigen zu wollen, dann wird er nicht nur bei Ballack, sondern auch bei Deisler einigen Aufwand treiben müssen. "Wie es weitergeht, weiß ich nicht", sagt er abwehrend, einen Zeitpunkt für den neuen Vertragsa bschluss in München weist er von sich, solange er auf dem Platz nicht recht vorankommt. "Es fehlt der Startschuss", sagt Deisler. Aber vielleicht fällt schon am Samstag ein Ball vom Himmel - und genau vor seine Füße.

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(SZ vom 07.10.2005)