Mit Hightech-Anzügen zerschmettern die Schwimmer bei der WM selbst historische Weltrekorde. Die Sportart wird damit zur Farce.
Nichts ist für die Ewigkeit gemacht. Aber gerade in Rom, der Ewigen Stadt, spürt man den Schmerz, wenn Monumente fallen. Und ein paar Monumente des Schwimmsports sind bereits geschleift worden bei den Weltmeisterschaften. Bob Bowman, der Trainer von Michael Phelps, hatte geglaubt, er werde den Tag nicht erleben, an dem der Weltrekord von Ian Thorpe über 400 Meter Freistil aus dem Jahr 2002 gebrochen wird. Genauso dachte man, nie werde eine Frau auf dieser Strecke unter vier Minuten bleiben. In dieselbe Kategorie fiel der Weltrekord der so verdächtig starken Holländerin Inge de Bruijn über 100 Meter Schmetterling aus dem Jahr 2000: unmöglich. Eigentlich.
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Auch Biedermanns Weltrekord ist dem neuen Anzug zu verdanken. (© Foto: dpa)
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Die Schwedin Sjostrom zerschmetterte wie aus dem Nichts die Marke von de Bruijn, die Italienerin Federica Pellegrini knackte die Vier-Minuten-Barriere wie im Flug, und der Deutsche Biedermann warf die Schwimm-Legende Thorpe aus den Rekordlisten. Alles an einem Tag, sechs Weltrekorde insgesamt. So viel Historisches wird zur Farce. Die Anzugproduzenten reden dem Fortschritt das Wort und opponieren nun gegen den Beschluss des Weltverbandes, 2010 zu Badeanzug und Badehose zurückzukehren und Plastikbeschichtungen zu verbieten. Sie fordern eine moderate Reform. Aber die Spirale des Fortschritts ist derart überdreht worden, dass die Radikallösung einen ganz eigenen Charme hat. Zurück zu den Wurzeln.
Es gibt genügend Fortschritt in dieser Sportart, die sich Jahr für Jahr mehr professionalisiert. Moderne Becken und Startblöcke ermöglichen bessere Zeiten, ebenso neue Schwimmtechniken, die erlaubt wurden. Aber die neuen Anzüge verändern Wasserlage und Wasserwiderstand, sie verändern Bewegungsabläufe und greifen damit ins Allerheiligste dieses Sports ein. Schwimmen ist nie ein Materialsport gewesen wie Skispringen, und ein Volkssport kann es sich nicht leisten, dass Erfolg oder Misserfolg von sündteuren Hightech-Anzügen abhängt.
Die Deutschen müssen sich nun nicht schämen für ihre ersten Erfolge in Rom. Sie zahlten im vergangenen Jahr einen hohen Preis für das Wettrüsten. Die Athleten protestierten gegen die vorgeschriebene Wahl des Anzugs, der Verband hat deshalb seinen Ausrüster und damit sehr viel Geld verloren, das nun bei der Förderung des Schwimmsports fehlt. Und Paul Biedermann muss damit leben, dass sein Weltmeistertitel unter die Rubrik des Irrsinns von Rom fällt. Ohne Weltrekord würde seine goldene Medaille noch heller strahlen.
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(SZ vom 28.07.2009/dop)
Whitney Houston ist tot
als ehemaiger schwimmer möchte ich mich auch zur debatte äußern:
es ist mitnichten so, dass die chancengleichheit gewahrt bliebe.
der anzug verändert die wasserlage und benachteiligt technisch gute, aber nicht ganz so großgewachsene schwimmer.
gerade auf den kurzstrecken haben große muskelpakete mit mittelmäßiger technik durch die veränderte wasserlage vorteile, die sie vorher nicht hatten.
Die Weiterentwicklungen, von denen Sie sprechen, sollten aber die Sportler schützen.
Magnesium, damit die Scheibe kontrolliert fliegt.
Spezielle Sprungstäbe, damit die Dinger nicht brechen und man unkontrolliert durch die Gegend fliegt.
Leichtere Fahrräder bei 4000km-Touren sind wohl auch nicht zu vergleichen zu Rennen, die nach 2 Minuten vorüber sind.
Und wenn jeder Sport, wie Sie schreiben, heutzutage eine Materialschlacht ist, dann ist das doch eben gerade ein Grund mehr, dort einzuschreiten, wo dies eben noch verhindert werden kann.
Schwimmen ist Badehose, Brille, evtl. Kappe und Nasenklemme.
Ich lache micht tot, wenn ich an die Diskussion denke, ob Formel 1 überhaupt bei all der Technologie noch als Sport zu bezeichnen ist. Hier gibt es noch einen Sport, der technologielos ist, und den soll man jetzt auch noch künstlich technisieren? Wer hat denn was davon, außer den Produzenten? Die Schwimmer mit Sicherheit nicht.
Es wäre fast soweit gekommen, dass die Produzenten so mächtig sind, dass es kein Zurück mehr gibt. Man hat offensichtlich noch rechtzeitig die Notbremse gezogen.
nein nicht überzogen, in gewissen sportarten hat man die technische entwicklung wieder zurücknehmen müssen siehe speerwerfen oder golf oder als bestes beispiel die f1.
ihr beispiel cl gegenüber alten modus ist bestenfalls lustig ?!
der rest ihrer beispiele ist auch etwas wirr, zwischen dingen die der sicherheit des sportlers und solchen die der leistungssteigerung dienen liegen doch wohl welten.
Ich bin ja auch ein grosser Freund technischer Innovationen, aber im Falle eines Schwimmanzuges, der vor allem den Zweck hat, einen nicht mehr wirklich schwimmen sondern eher auf dem Wasser gleiten zu lassen, frage ich mich: Was haben wir davon ? Was hat irgendjemand davon ?
Wenn es wenigstens ein alltagstaugliches Gerät wäre, könnten Rettungsschwimmer davon profitieren, aber dafür ist es viel zu umständlich und eben auch zu gefährlich.
Von mir aus können die Leute auch auf HighTech-Luftmatratzen paddeln, aber ich verstehe nach wie vor nicht, warum man sich diese Innovation wünschen sollte.
dww
Ich verstehe den Kommentar und einige Beiträge von Foristen in keiner Weise, die sich hier darüber beschweren, dass ein Breitensport von technischer Entwicklung heimgesucht wird. In jeder Sportart gibt es diese technische Entwicklung; sei es nun bei der Leichtathletik in allen Disziplinen (vom Sprint- oder Lauifschuh bis hin zum Speer), beim Radfahren (Räder, Helme etc.), beim Eisschnelllauf (Schuhe und Anzüge) etc. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Und genau wie MalG schreibt: Hier ließe sich sicher auch über andere Bereiche des täglichen Lebens oder des Berufes diskutieren, bei denen es evtl. mehr Charme hätte, zu alt Bewährtem zurückzugehen. Nur so funktioniert es aber eben nicht! Solange mit solchen technischen Entwicklungen Geld verdient werden kann und sie in irgendeiner Weise die Leistungsfähigkeit (des Athleten oder des Berufstätigen etc.) gesteigert werden kann, wird es solche Entwicklungen geben; und speziell das Geld steht nun mal im Vordergrund. Ich finde z.B., dass der alte Europapokal der Landesmeister deutlich mehr sportlichen Reiz besitzt, als die Championsleague. Geld gibt's da aber weniger...
Den Schwimmsport jetzt zum Aufhänger einer Retrodiskussion zu machen, die eigentlich einen viel größeren Umfang besitzt als das, was hier von Herrn Kelnberger beschrieben worden ist, finde ich daher ein wenig lächerlich...
MfG
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