Schwimm-Präsidentin Christa Thiel "Die Politik weiß, dass sie den Sport nicht aufgeben darf"

Schwimmer unter sich: Die DSV-Präsidentin Christa Thiel (links) und ihre ehemalige Vorzeigeathletin Britta Steffen (Archivbild)

(Foto: dpa)

Die Präsidentin des Schwimmverbandes, Christa Thiel, warnt nach dem Aus für Olympia in Hamburg vor negativen Folgen für den deutschen Sport.

Von Matthias Schmid

Die Wiesbadener Anwältin Christa Thiel ist seit 15 Jahren Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes. Zudem saß die 61-Jährige vier Jahre als Vizepräsidentin im Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes. Im Interview wirbt Thiel nach dem negativen Votum der Hamburger Bevölkerung gegen Sommerspiele in Deutschland dafür, dass die olympischen Sportverbände weiter selbstbewusst eine Spitzenförderung einfordern müssen.

SZ.de: Befürchten Sie nach dem negativen Votum in Hamburg, dass der olympische Sport noch weiter abgehängt wird?

Christa Thiel: Dass die Hamburger mehrheitlich die Olympiabewerbung ablehnen, kommt für mich sehr überraschend und ist eine niederschmetternde Aussage. Vor allem für die jungen und begabten Athleten, die 2024 und 2028 an den Spielen im eigenen Land hätten teilnehmen können, ist das traurig, weil ihnen ein wichtiger Anreiz fehlt. Aber ich denke, dass die Politik klug genug ist, den Sport weiter zu fördern. Nicht nur den Spitzensport, sondern auch den Breiten-, Freizeit-, Gesundheits- und Rehasport, der ja zur Beibehaltung der Gesundheit dient. Das ist ein ganzes wichtiges Pfund. Vereine sind Sozialinstitutionen, die nicht abgehängt werden dürfen. Das wäre ein großer Schaden für die Republik.

Manch einer Ihrer Kollegen und auch Sportler sprechen vom Sargnagel für den Spitzensport oder vom Dolchstoß für die Entwicklung des Hochleistungs- und Breitensports unterhalb des Fußballs in Deutschland.

Solche Aussagen halte ich für zu plakativ. Die Frage, finanziell nicht abgehängt zu werden, steht nicht in Zusammenhang mit Olympischen Spielen im eigenen Land. Dass Förderprogramme des Bundes in gewissen Abständen evaluiert und neu strukturiert werden, ist ja schon vorher initiiert worden. Ich glaube, dass die Politik weiß, dass sie den Sport nicht aufgeben darf. Der Spitzensport in Deutschland ist ein Aushängeschild. Die Bundesbürger wollen erfolgreiche Sportler sehen, wenn sie bei Großereignissen antreten.

Aber eine Bewerbung hätte die Zuschüsse für die Förderung des Sports auf kommunaler, landes- und Bundesebene erhöht.

Ja, das wäre ein Konjunkturprogamm für den Sport gewesen. Wenn sich aber alle in ein paar Wochen wieder gefangen haben, wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass der Sport auch ohne Bewerbung aus den von mir genannten Gründen weiter ausreichend gefördert werden muss. Es bringt niemandem etwas, wenn wir jetzt mit dem Kopf im Sand wühlen und daran ersticken. Wir müssen mit einem gewissen Selbstbewusstsein eine valide Sportförderung begehren und einfordern. Sie darf nicht davon abhängig sein, ob Sommerspiele 2024 in Deutschland stattfinden oder nicht. Dass wir die Spiele auch bekommen hätten, war ja überhaupt nicht sicher. Da müssen wir realistisch bleiben.