Von Claudio Catuogno

Seit 1960 hat der gelernte Buchdrucker Jakob "Köbi" Kuhn den Fußball in seiner Heimat geprägt - nun tritt er von der Bühne ab.

Wenn es stimmt, dass Menschen im Alter den Kindern wieder ähnlicher werden, dann ist Köbi Kuhn, 66, der beste Beleg dafür. Rein physiognomisch betrachtet. Es gibt Bilder von ihm aus den sechziger Jahren, die zeigen einen drahtigen Mann mit markantem Gesicht und stechenden Augen. Heute, wenn der Köbi Kuhn des Jahres 2008 in Feusisberg auf dem Podium Platz nimmt, neben ihm ein Koloss von Pressesprecher, einen Sitz weiter ein kantiger Teamarzt, ist er immer der kleinste, schmächtigste. Manchmal blickt er, während die anderen reden und übersetzen, an einen unbestimmten Punkt am Zeltdach und lächelt verträumt. Würde man die Bürger Europas nach dem sympathischsten Schweizer befragen, hätte wohl nur Kuhn eine Chance, so freundlich wie man ihn im Fernsehen immer an der Trainerbank hat stehen sehen.

Bild vergrößern

Einer der beliebtesten Schweizer: Fußball-Nationaltrainer Jakob "Köbi" Kuhn. (© Foto: AFP)

Anzeige

48 Jahre lang, seit der gelernte Buchdrucker 1960 beim FC Zürich seine ersten Franken verdiente, hat Jakob "Köbi" Kuhn den Schweizer Fußball geprägt wie kaum jemand vor ihm. Und nun endet also alles in einer "Nacht von Basel".

So oder so. Wenn die Schweizer im für sie bedeutungslosen letzten Gruppenspiel am Sonntag die Portugiesen bezwingen, die bereits fürs Viertelfinale qualifiziert sind, wird das der letzte Eindruck ihrer Heim-EM bleiben: ein versöhnlicher Abschied für ihren Trainer, und sogar noch ein Sieg für die Geschichtsbücher, denn bisher hat die Schweiz noch nie ein EM-Spiel gewonnen. Wenn nicht? Dann bleibt die andere Nacht von Basel in Erinnerung, das Regenspiel gegen die Türkei (1:2), als alle Träume von einer erfolgreichen EM erndeten.

Nun die "Nacht von Basel"

Es waren immer schon diese Nächte, die Köbi Kuhn den Schweizern nahe brachte: die "Nacht von Sheffield", die "Nacht von Oslo", die "Nacht von Köln". In Sheffield hatte die Schweizer "Nati" bei der WM 1966 in England Quartier bezogen, Trainer war Dottore Alfredo Foni, ein prinzipienfester Italiener. Dass Kuhn mit zwei Teamkollegen noch auf ein Bier ausbüchste und ein paar junge Damen die Gruppe zurück ins Hotel chauffierten, kurz nach Zapfenstreich, fand Foni gar nicht lustig.

Für das Gruppenspiel gegen Deutschland wurde Kuhn suspendiert. So hat alles begonnen. Kuhn verkörperte in etwa den Spielertyp, der ihm selbst nun gefehlt hat bei dieser EM: Er war nicht nur ein exzellenter Stratege, sondern auch ein torgefährlicher Vollstrecker. Aber wegen ein paar Prinzipien hat man ihn nicht spielen lassen, und ohne ihn verlor die Schweiz gegen Deutschland 0:5.

1976, die "Nacht von Oslo", Qualifikationsspiel gegen Norwegen. Wieder ein, zwei Bier vor dem Spiel, wieder wurde Kuhn vom Verband ausgeschlossen. Aber kurz darauf hat man ihn doch gebraucht, als Jugendtrainer. Das war bis heute seine große Stärke: junge Spieler in ein Team einzubauen, sie weiterzuentwickeln. Vielleicht verstand er sie auch deshalb so gut, weil er selbst immer seine Probleme hatte mit sturen Autoritäten. Als Spieler blieb er immer in Zürich, wurde sechsmal Meister, fünfmal Pokalsieger, erreichte zweimal ein Europapokal-Halbfinale. Als Trainer blieb er bis 2001 bei seinen Jugendlichen.

Köbi zieht Bilanz

Dann vertraute man ihm die "Nati" an, heute gilt Kuhn als der erfolgreichste Trainer ihrer Geschichte. Weil die Schweiz sich zweimal hintereinander für eine Endrunde qualifizierte, die EM 2004 in Portugal und die WM 2006 in Deutschland. Letztere endete erst in der "Nacht von Köln", jenem Elfmeterschießen im Achtelfinale gegen die Ukraine, als kein einziger Schweizer das Tor traf. Dennoch galt das Turnier als Kuhns größter Erfolg. Und nun hat er ausgerechnet seine wichtigste Aufgabe, die EM im eigenen Land, vermasselt.

Vermasselt? So würden das nur diejenigen formulieren, die es nicht gut meinen mit Köbi Kuhn. Aber gibt es die überhaupt? Johann Vogel vielleicht, sein ehemaliger Kapitän, der von Kuhn als "Brutus" identifiziert und ausgebootet wurde. Kuhn rede nicht mehr genug, behauptete Vogel, nach der WM 2006 sei er "wie in ein Loch gefallen". Doch niemand im Land nahm den Ball auf. Es gibt auch jetzt keine Vorwürfe. Das Krawallblatt Blick titelte am Freitag: "Köbi im Glück - Alice erwacht." Kuhns Frau war kurz vor der EM nach einem epileptischen Anfall ins Koma gefallen.

Am Montag wird Köbi Kuhn ein letztes Mal das Podium in Feusisberg hinaufklettern und Bilanz ziehen. Dann übernimmt Ottmar Hitzfeld die "Nati". "Wenn es vorbei ist, wird eben eine neue Episode angereiht", sagt Kuhn, lächelt und fügt an: "Jetzt fange ich ja schon an, hier herumzuphilosophieren." Ob etwas bleiben wird von dieser Europameisterschaft? "Natürlich", sagt er, "diese EM hat etwas bewirkt im Land." Seine Augen blitzen jetzt wieder: "Die Kinder sollen sich ja bewegen, sollen begeistert Sport treiben, da bietet sich der Fußball natürlich an." Am Tag nach der "Nacht von Basel" hat Köbi Kuhn eine halbe Stunde lang Autogramme geschrieben. Um ihn selbst ist es ihm immer zuletzt gegangen.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 14.06.2008/mb)