SZ: Wie viele spanische Klubs waren 2009, wie Barça jetzt, in einer Situation des technischen Bankrotts?

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Gay: Ein halbes Dutzend. Wir sprechen von Vereinen wie Malaga, Mallorca, Racing Santander, oder auch dem FC Valencia, der einen Plan umsetzt, um sich wirtschaftlich neu aufzustellen. Nachdem Valencia Dritter geworden war und die Champions-League-Qualifikation erreicht hatte, haben sie sofort die Juwelen verkauft (David Villa an Barcelona, David Silva an Manchester City/d. Red.), um Kasse zu machen. Das Problem sind aber auch Klubs, die zwar ein positives, aber sehr schwaches Nettovermögen haben. Das ist wie bei den Stress-Tests der Banken, die wir gerade erlebt haben. Die Frage, die sich bei diesen Klubs stellt, lautet: Wie groß ist ihre Widerstandsfähigkeit im Fall von wirtschaftlichen Verwerfungen? Barça hatte ein schwaches Nettovermögen, es war also denkbar, dass der Klub in eine Lage gerät wie die jetzige. Aber anders als bescheidenere Klubs hat Barça eine gute Stressresistenz, eine ausgeprägte Fähigkeit, sich zu erholen.

SZ: Wie hat sich die spanische Wirtschaftskrise auf den Fußball ausgewirkt?

Gay: Enorm. Als ich von den 3,5 Miiliarden Euro sprach, flossen die Einnahmen längst nicht mehr wie in den Jahren der Euphorie. Gleichzeitig stellten die Ausgaben eine Hypothek dar. Die Klubs hatten sich verpflichtet, über Zeiträume von drei, vier Jahren gigantische Löhne zu zahlen, aber wenn du dein sportliches Ziel verfehlt hast, hattest du eben geringere Einnahmen. Dazu kommt ein gigantisches Problem: die Fernseheinnahmen. Alles hat auf Mediapro (Sportrechtehändler, d. Red.) als einzigen Anbieter vertraut, nun hat Mediapro ein Gläubigerverfahren eingeleitet. Die Mehrheit der Klubs schlackert jetzt mit den Ohren.

SZ: Das Gläubigerverfahren von Mediapro gilt vor allem als ein politischer Schachzug, weniger als ein Akt, der wirtschaftlich dringend notwendig war. Aber sollte sich herausstellen, dass Mediapro pleite geht: Kann man dann in der Liga das Licht ausmachen?

Gay: Real Madrid hat immerhin eine Bürgschaft über sechs Monate erhalten. Barcelona schon nicht mehr, Barça bekommt sein Geld in Monatsraten. Aber wir sind wieder bei derselben Überlegung: Barça hätte selbst in so einem Szenario eine Widerstandskraft. Die Frage lautet: Was ist mit Malaga, Villarreal oder Mallorca? Wenn der Fernsehanbieter nicht mehr zahlt, wären einige Klubs regelrecht stranguliert.

SZ: Wie kann es sein, dass die Liga weiterhin funktioniert, dass weiterhin Spieler verpflichtet werden?

Gay: Was Transfers anbelangt, sind wir längst bei einer Form des Tauschs von Fußballbildchen angekommen. Ein Klub, der einen Spieler verkaufen will, verkauft ihn an den, der gerade Geld eingenommen hat. Ansonsten zirkuliert kein Geld. Espanyol hat Callejón an Getafe verkauft, weil Getafe soeben das Geld für den Transfer von Pedro León an Real Madrid eingenommen hatte. Ansonsten fehlen Finanzierungsmöglichkeiten.

SZ: Sie haben das Finanzgebaren der Liga mit den Exzessen verglichen, die für das Spanien im Siglo de Oro prägend waren, dem Goldenen Zeitalter, das auf die Entdeckung Amerikas folgte. Warum?

Gay: Das Siglo de Oro war von fast unzüchtiger Verschwendung geprägt. Es flossen die Einnahmen nur so ins Land, das Silber aus den westindischen Kolonien, fabulöse Gewürze. Und wir fingen an, auszugeben, auszugeben, auszugeben, und das führte zu einer kolossalen Verschuldung des Staates, bis die Staatsfinanzen in den Händen italienischer, niederländischer Banken lagen, bis die große Pleite folgte. In Spanien haben wir ein Problem: Wir lesen keine Geschichtsbücher. Wenn ich über das Siglo der Oro lese, dann denke ich immer, ich lese Nachrichten von gestern, oder vom heutigen Vormittag. Wir lernen aus den Erfahrungen nicht. Anders als die Deutschen.

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  1. "Barça ist ein Sklave der sportlichen Euphorie"
  2. Sie lesen jetzt "Wir lesen keine Geschichtsbücher"
  3. "Real müsste alles gewinnen"
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