Nationalspieler Jan Schlaudraff über Vielseitigkeit, den konkurrierenden Kollegen Bernd Schneider und Imageprobleme nach seinem Wechsel nach München.
SZ: Herr Schlaudraff, ohne Klose, Gomez, Neuville und Asamoah ist der Konkurrenzkampf im Sturm der Nationalelf nur noch halb so hart. Rechnen Sie damit, dass Sie in Prag Ihr drittes Länderspiel erleben?
Schlaudraff mit Bundestrainer Joachim Löw (r.) (© Foto: dpa)
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Jan Schlaudraff: Für mich ist vor allem erfreulich, dass ich die schwierige Phase überwunden habe, die ich zu Beginn der Rückrunde hatte, dass ich mich bei Alemannia Aachen gefangen und wieder gute Leistungen gezeigt habe. Was Prag angeht: Es stimmt, dass wir vorne ein bisschen personelle Sorgen haben. Aber was am Samstag passiert, das will ich mal abwarten.
SZ: Man ordnet sie als Spieler im Sturm ein, aber stimmt das überhaupt? Auf welcher Position haben Sie Ihre definierte Heimat?
Schlaudraff: Das ist immer ein bisschen schwierig. Angefangen habe ich als hängende Spitze, dann war ich eine Zeitlang offensiv auf den Flügeln, und jetzt, da wir bei Alemannia hinten kompakt und gut stehen, ist es für die Mannschaft das beste, wenn ich ganz vorne drin stehe. Um auf die Kontersituationen zu lauern, bei denen ich mit meiner Schnelligkeit am besten helfen kann. Man kann also sagen: Meine Position ist eine Stürmerposition.
SZ: Aber man hat Sie auch schon dabei erwischt, als Sie Ihren Posten in die Tiefe verlagert haben. Und im Spiel gegen Hamburg im Dezember haben Sie sogar einen aufrückenden Libero gegeben.
Schlaudraff: In dem Spiel sollte ich hinten die Bälle ablaufen, weil wir's vorne mit der Brechstange probiert haben - hat dann ja auch geklappt (das Spiel endete nach 1:3-Rückstand 3:3, die Red.). Das war aber eine Ausnahmesituation. Im Prinzip sollte ich offensiv spielen.
SZ: Ist Ihre Vielseitigkeit das Ergebnis einer Ausbildung oder einer Praxis, die Wandlungsfähigkeit erforderte?
Schlaudraff: Eher der Praxis. Am liebsten spiele ich eben relativ weit vorn. Ich bin bei einem relativ kleinen Verein groß geworden, bei Hassia Bingen. Dort habe ich eigentlich nur auf der Zehn gespielt, und erst später in der Verbandsliga auch ab und zu im Sturm.
SZ: Hat Manager Uli Hoeneß gesagt, wo Sie beim FC Bayern spielen sollen? Oder war's umgekehrt: Haben Sie einen entsprechenden Wunsch vorgebracht?
Schlaudraff: Natürlich haben wir darüber gesprochen, wo sie mich sehen. Auch beim FC Bayern wird es um die offensiven Positionen gehen: auf der Zehn und als Sturmspitze, als hängende Spitze und auf den Außenbahnen.
SZ: Gucken Sie viel Fußball im Fernsehen?
Schlaudraff: Sehr viel.
SZ: Dann haben Sie neulich Bernd Schneider in den Leverkusener Uefa-Cup-Spielen gesehen? Bietet ein Spieler wie er Orientierung für Sie?
Schlaudraff: Ich habe die Spiele gesehen, da war er wirklich in Superform. Fußballerisch zählt er mit Sicherheit zu den Besten, die wir in Deutschland haben. Aber ich glaube, dass Bernd mit seinen Pässen und seinen Flanken, mit seinen Ideen, seiner Ballsicherheit und seiner Übersicht ein anderer Spielertyp ist, als ich es bin. Ich versuche eher, mit Tempo in die Spitze zu gehen.
SZ: Wenn man Sie und Schneider spielen sieht, könnte man glauben, dass Sie die Freude am Spiel verbindet.
Schlaudraff: In erster Linie ist Fußball unsere Arbeit. Aber wichtig ist auf jeden Fall auch, dass der Spaß am Spiel nicht verloren geht. Wenn man mehr Spaß hat, dann hat man automatisch auch mehr Erfolg. Nur mit Spaß geht's nicht, aber nur verbissen geht's auch nicht.
SZ: Verbrachten Sie Ihre Jugend nach dem Motto: Fußball ist unser Leben?
Schlaudraff: Fußball war für mich als kleiner Junge eine sehr, sehr schöne Nebensache, wenn ich mit meinen beiden Brüdern unterwegs war. Aber es stand schon die Schule im Vordergrund. Als dann die Möglichkeit aufkam, dass ich mich im Sport weiterentwickele, ist der Fußball immer mehr in den Mittelpunkt gerückt. Und dann ändert sich halt alles. Dann muss sich das ganze Umfeld unterordnen, alles wird um den Fußball herum aufgebaut.
SZ: Macht Fußball noch Spaß, wenn man von den eigenen Fans als "Bayern-Schwein" beschimpft wird?
Schlaudraff: Wenn's nur Bayern-Schwein gewesen wäre, dann hätte ich nichts gesagt, aber es war unter der Gürtellinie. Da ist es schwer, sich zu beherrschen.
SZ: Sie gerieten unter Druck, als seien Sie schon beim FC Bayern.
Schlaudraff: Nachdem wir den Wechsel bekannt gegeben haben, wusste ich ja, dass ich besonders beachtet werde. Und dann wollte ich es mindestens genauso gut machen wie vorher. Ich dachte: Ich muss jetzt unbedingt noch mehr zeigen. Daraus ergab sich dann diese Verkrampfung.
SZ: Die von einigen Aachener Fans als Lustlosigkeit gedeutet wurde.
Schlaudraff: Aber die allermeisten, der Trainer und die Mitspieler sowieso, wussten doch, dass ich nicht mit Absicht schlecht spiele. Es ist vielleicht so, dass ich auf dem Platz nicht diese Ausstrahlung habe wie andere, dass ich dann jemand bin, der in sich gekehrt ist und die Schultern schneller hängen lässt. Aber versucht habe ich trotzdem alles, was möglich war.
SZ: Sie haben dann sehr impulsiv und heftig auf die Zwischenrufe einiger Aachener Zuschauer reagiert. Anfang März stellten Sie die rhetorische Frage, "ob die alle noch ganz dicht sind". Würden Sie das beim nächsten Mal wieder tun?
Schlaudraff: Ich glaube, das gehört einfach zu meiner Art: Wenn mich etwas ärgert, dann muss ich das auch sagen. Und dann stehe ich auch dazu. Das einzige, was mich daran stört, ist, dass diese paar - in Anführungszeichen - Fans dadurch eine Aufmerksamkeit bekamen, die sie nicht verdient haben. Aber es lag mir eben auf der Seele, und ich war ja nicht allein betroffen. Es ging auch gegen Mitspieler und den Trainer. Ich glaube, dass man da wieder ein bisschen Realismus zurückholen musste in einige Köpfen.
SZ: Sie haben sich hinterher nicht geärgert über Ihre Unbeherrschtheit?
Schlaudraff: Überhaupt nicht. Ich habe mich absolut beherrscht. Ich habe genau das gesagt, was ich sagen wollte, und habe es auch genau so rübergebracht, wie ich es tun wollte. Ich bin der Meinung, dass man seine Linie klar durchziehen muss, auch in Zeiten, in denen es nicht so gut läuft. Es ist mir aber klar, dass es für Außenstehende nicht immer klar ist, ob sie mein Verhalten als Selbstbewusstsein oder Überheblichkeit interpretieren sollen. Das ist ein schmaler Grat.
SZ: Jörg Schmadtke, Aachens Sportdirektor, hat Sie darauf schon häufiger hingewiesen. Während der Hinrunde sogar besonders streng, als er meinte, Sie hätten "die Solidarität mit der Mannschaft verlassen".
Schlaudraff: Wir haben da neulich noch mal kurz drüber gesprochen. Er hat seine Eindrücke gehabt, ich meine. Wir waren nicht auf einem Nenner.
SZ: Schmadtke akzeptiert Ihren Widerspruch und die Uneinigkeit?
Schlaudraff: Sagen wir es mal so: Er hat schon gerne, wenn es seine Meinung ist, die zählt. Er hat ja auch das Sagen als Sportchef. Aber man kann zu ihm gehen und eine eigene Meinung äußern.
SZ: Das geht bei Uli Hoeneß auch ganz gut. Werden Sie ihm demnächst mitteilen, was Sie von seiner Aussage hielten, Sie auch deshalb zum FC Bayern nach München geholt zu haben, um die gleichfalls interessierte Konkurrenz aus Bremen zu ärgern?
Schlaudraff: Mich haben öfter Leute gefragt, ob ich ihn gebeten hätte, mir das zu erklären. Ich glaube aber, dass Uli Hoeneß andere Dinge zu tun hat, als mir zu erklären, was er für Interviews gibt. Ich hatte gute Gespräche mit ihm, von der Ansicht hat mich nichts abgebracht.
SZ: Ist es schwer, an der neuen Popularität zu tragen?
Schlaudraff: Es ist ungewohnt. Neu für mich selbst. Ich bin jetzt eben bekannter und werde öfter erkannt. Man achtet mehr auf mich und macht sich ein Bild von mir, obwohl man mich als Mensch nicht kennt und nicht weiß, wie ich wirklich bin und was ich denke. Damit umzugehen, das ist nicht leicht.
SZ: Zu dem Bild trug auch Ihr Porsche bei, mit dem kurz vor Karneval Ihr Kollege Marius Ebbers in die Leitplanke gefahren ist - mit Ihnen als Co-Pilot. Haben Sie ihn noch, den Porsche?
Schlaudraff: Der ist verkauft. Der Schaden war halb so wild, aber ich will nicht in einem Auto sitzen, mit dem ich schon einen Crash verursacht habe - beziehungsweise als Beifahrer dabei war.
SZ: Demnächst gibt's ja einen neuen Dienstwagen. Möchten Sie, dass Ihr neuer Klub in München doch noch Meister wird?
Schlaudraff: Das wichtigste Ziel in dieser Saison ist für mich, dass wir mit Aachen den Klassenerhalt schaffen. Alles andere kann ich nicht beeinflussen.
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(SZ vom 23. März 2007)
Maximilians
Schön zu lesen, dass ein junger Spieler offen zu seiner Meinung steht, kritisch auch mit sich selbst ist und nicht nur auswendig gelernte Floskeln als Antworten parat hat!
Bleibt zu wünschen, dass er seinen Weg in München macht.Den Charakter dafür hat er