Schiedsrichter Zwayer "Ich stehe zu meiner Entscheidung"

Felix Zwayer beim DFB-Pokal-Finale.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • In der Nachspielzeit des DFB-Pokal-Finales trifft der Frankfurter Kevin-Prince Boateng den Bayern-Spieler Javi Martínez im Sechzehner am Fuß.
  • Obwohl sich Schiedsrichter Felix Zwayer die Bilder anschaut, gibt er keinen Elfmeter - das wundert selbst die Frankfurter.
  • Am Montag erklärte Zwayer im kicker, wie es zu dieser Entscheidung kam.
Von Barbara Klimke, Berlin

Kaum hatte er den Goldpokal erobert, wurde Niko Kovac noch auf dem Rasen in den Zeugenstand gebeten.

Erste Frage: War dem Tor zum 2:1 für Frankfurt in er 82. Minute ein absichtliches Handspiel vorausgegangen? Nein, sagte Kovac in die Fernsehmikrofone: Durch einen Pressschlag sei der Ball nach oben und dem Eintracht-Spieler Kevin-Prince Boateng an den Arm katapultiert worden. Nächste und entscheidende Frage: 93. Minute, Boatengs Stollenschuh trifft Javi Martínez am Fuß. Ein strafwürdiges Vergehen seines Spielers? "Ich bin der Meinung, das war ein Elfmeter, ja!", erklärte Kovac umstandslos.

Der FC Bayern war nicht da, als es darauf ankam

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Der Schiedsrichter, Felix Zwayer, hatte beide Vorfälle während der Partie am Seitenrand auf dem Monitor überprüft. Bei der zweiten war er zu einer Entscheidung gelangt, die sowohl der Einschätzung von Frankfurts Trainer als auch der Sichtweise des empörten Teams des FC Bayern diametral entgegenstand.

Am Montag gab Zwayer im Fachmagazin kicker eine umfangreiche Stellungnahme ab - und verteidigte seine Entscheidung: "Ich habe den Kontakt gesehen, aus meiner Sicht war es jedoch kein intensiver Kontakt, da Martínez den getroffenen Fuß noch ohne Bewegungsänderung und stabil auf dem Boden aufsetzt, bevor sein anderes Bein abhebt, nach vorne fliegt und er hinfällt", so Zwayer.

Er erklärte weiter: "Treffer und Wirkung haben für mich nicht zusammengepasst. Auf den Bildern habe ich keinen Kontakt gesehen, der mich überzeugt hat, meine ursprüngliche Wahrnehmung und Entscheidung zu ändern. Auch mit dem Abstand von zwei Tagen stehe ich zu dieser Entscheidung." Ein Kontakt sei nicht automatisch eine strafbare Handlung, auch solche Szenen müssten bewertet werden.

Die DFB-Schiedsrichterkomission kann die Argumente nachvollziehen. Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich schränkte aber im kicker ein: "Gleichwohl machen wir uns in der Kommission intensiv Gedanken darüber, ob solche Entscheidungen am Ende in der Öffentlichkeit noch nachvollziehbar sind, da es dort schon eine erdrückende Meinungsmehrheit in Richtung Strafstoß gibt."

Der Videobeweis hat den Schlusseffekt im DFB-Pokalfinale gesetzt. Das darf als passende Pointe für eine Saison gelten, in der die Zuhilfenahme von Kamerabildern zur Klärung uneindeutiger Szenen die Dramaturgie jedes einzelnen Spieltags bestimmt hatte. Dass die vehement geführte Debatte über den Nutzen der Neuerung bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft am 14. Juni nicht abklingen wird, hat Schiedsrichter Zwayer durch den ausbleibenden Pfiff am vergangenen Wochenende nun wohl ebenfalls garantiert: Denn der 37-jährige Berliner Referee gehört wie Bastian Dankert (Schwerin) zu jenem 13-köpfigen Expertenteam, das bei der WM-Premiere des Videobeweises in Russland erstmals vom Bildschirm aus die Entscheidungen beim Geschehen auf dem Rasen überprüfen wird.

Am Samstag war der Vorgang weder für die Nutznießer noch für die Benachteiligten ersichtlich. Boateng räumte unterdessen mit der ritterlichen Aufrichtigkeit des Siegers ein, es sei seine Schuld gewesen, dass sich bei der Kollision mit Martínez die Füße der beiden in der Luft wie Klingen kreuzten: "Ich habe ihn getroffen, ich bin ja ehrlich", und wenn ein Schiedsrichter bei einer solchen Szene einen Elfmeter gegen ihn verhänge, könne er darüber keine Beschwerde führen. Die Entrüstung der Münchner über die Interpretation der Videobilder war insofern verständlich, als das Team zu diesem Zeitpunkt noch die Chance gehabt hätte, sich durch ein Ausgleichstor in die Verlängerung zu retten. Auf den Videobeweis bezogen, sagte Bayern-Angreifer Thomas Müller: "Wenn ich schon die Möglichkeit habe, mir das anzusehen, dann gibt es eigentlich keinen Diskussionsstoff mehr."