Schiedsrichter im Landkreis Celle Ende der Freiwild-Zeit

Schiedsrichter leben gefährlich, in der Kreisklasse noch häufiger als in der Bundesliga.

(Foto: dpa)

Treten, schlagen, beleidigen: Weil die Übergriffe gegen die Schiedsrichter immer schlimmer wurden, verzichtet der Fußballkreis Celle an zwei Wochenenden auf neutrale Referees. Aus ganz Deutschland gibt es Lob für das Experiment.

Von Carsten Eberts

Emin Ekinci trägt Freizeitklamotten, gestreiftes T-Shirt, blaue Jeans, braune Lederschuhe. So stiefelt er über den Rasen, bläst in seine Trillerpfeife, entscheidet auf Freistoß, pfeift Abseits. Der Fußballkreis Celle nahe Hannover erlebt zwei ungewöhnliche Fußball-Wochenenden - mittendrin Ekinci vom SV Hambühren. Weil die Angriffe auf Schiedsrichter seit Monaten immer weiter zugenommen haben, hat sich der Spielausschuss geweigert, für die Partien der Kreisliga bis zur vierten Kreisklasse neutrale Referees anzusetzen.

Frühere Schiedsrichter oder Betreuer mussten einspringen, Spielverlegungen wurden nicht gestattet. Emin Ekinci pfiff die Partie zwischen dem SV Dicle Celle und dem SC Eldingen. Freiwillig, wie er sagt, ein Trikot wollte er nicht anziehen. Die Spieler sollten merken, dass er in seiner Freizeit hier ist.

Schiedsrichter boykottieren Amateurspiele

Es soll ein Zeichen gegen Gewalt sein: Der Fußballkreis Celle verzichtet in den nächsten beiden Spielwochenenden darauf, Schiedsrichter unterhalb der Kreisliga einzuteilen. Die Klubs müssen nun selbst welche finden. mehr ...

Der Boykott der Celler Schiedsrichter hat viel Aufsehen erregt, "doch es ging einfach nicht mehr weiter", erklärt Michael Frede den ungewöhnlichen Schritt. Er ist Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses und hat in den vergangenen Jahren auf den Celler Plätzen Szenen gesehen, die er nicht sehen wollte. Amateur-Schiedsrichter wurden getreten, geschlagen, beleidigt, manche mussten in die Kabine flüchten.

Kürzlich, bei einem Spiel des SV Dicle II, ging es besonders hart zu. Der Schiedsrichter hatte fünf Platzverweise erteilt, es gab Tumulte. Fünf Streifenwagen der Polizei kamen schließlich angerauscht, die Beamten brauchten einige Zeit, um die Szenerie zu beruhigen und den Schiedsrichter von der Anlage zu geleiten. Seine Referees seien vielerorts "Freiwild", sagt Frede. Er wolle nicht irgendwann einen seiner Männer oder Frauen im Krankenhaus besuchen. Dem SV Dicle, dessen Spieler häufiger auffällig wurden, droht als Gesamtverein der Ausschluss aus dem Spielbetrieb.

Wie sich alles so hochschaukeln konnte, versteht Frede nicht. Deutschlandweit ist der Umgangston in den unteren Ligen rauer geworden. Spielabbrüche werden vereinzelt aus dem Berliner Fußball gemeldet - aber im betulichen Celle, in Niedersachsen, auf dem flachen Land? Die Hemmschwelle sei tief gesunken, sagt der Schiedsrichterchef, bei den Spielern untereinander, aber auch gegenüber den Unparteiischen.