WM-Referees arbeiten nun mit festen Gespannen, neue Spezialisten sind geboren: die Assistenten
Er hat sich auch gewundert damals, vor dem Fernseher. Ein bisschen geärgert hat er sich auch, aber gleichzeitig war er auch ein bisschen froh.
Markus Merk in einem Bundesliga-Spiel (© Foto: ddp)
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Er war froh, dass nicht er dort an der Seitenlinie stand und die Fahne in der Hand hielt; dass nicht er es war, den die Welt da im Fernsehen sah und auslachte, obwohl er nichts dafür konnte.
Jan-Hendrik Salver ist Schiedsrichter-Assistent, er ist das mit Leib und Seele, aber manchmal ist es auch ganz gut, wenn man mal nicht zum Einsatz kommt.
Beim Confederations Cup im vergangenen Jahr zum Beispiel, da haben die Assistenten nur schlecht aussehen können. Sie haben Spieler sehenden Auges ins Abseits rennen lassen müssen, sie haben erst winken dürfen, wenn der Spieler den Ball berührte. Herrliche Szenen waren das, weil die armen Stürmer manchmal 30 Meter rennen mussten, bis endlich ein Pfiff ertönte, von dem jeder schon 30 Meter vorher wusste, dass er gleich kommen würde.
Die armen Abwehrspieler haben natürlich mitspurten müssen, weil sie ja nicht wissen konnten, ob der Schiedsrichter und sein Assistent das Abseits nicht vielleicht doch übersehen hatten. Und die armen Trainer sind auch mächtig an der Seitenlinie herumgeturnt, so sehr haben sie sich aufregen müssen.
Es ist eine recht bewegte Zeit gewesen damals, und man muss sich noch mal erinnern dürfen, jetzt, da ein noch viel größeres Großereignis bevorsteht. Der Weltverband Fifa wird sich vor den Augen der Welt kaum noch einmal so lächerlich machen wollen wie beim Confed-Cup 2005, als sich zur lustigen Regelauslegung ein veritables PR-Desaster gesellte.
Irgendwie hatten sie damals vergessen, diese neue Abseits-Auslegung vernünftig zu kommunizieren; jedenfalls wirkten Spieler und Trainer genauso überrascht wie manche Fifa-Funktionäre, die sich gegenseitig in widersprüchlichen Erklärungsversuchen übertrafen.
"Für die Assistenten war der Confederations Cup undankbar", sagt Jan-Hendrik Salver, "aber wir machen die Regeln ja nicht. Wir sind wie die Schiedsrichter nur die Exekutive." Wenn nicht alles täuscht, dürften die Schiedsrichter-Assistenten diesmal ein bisschen günstiger wegkommen in der öffentlichen Wahrnehmung.
Die irreführende Regelauslegung hat die Fifa nach dem Confed-Cup auf Druck der nationalen Verbände wieder kassiert; in aller Stille hat der Weltverband per Rundbrief eine Ergänzung der Regelauslegung herumgeschickt, jetzt dürfen die Assistenten wieder früher die Fahne heben.
Das trifft sich gut, denn gerade von den Assistenten wird beim Weltturnier in Deutschland einiges erwartet. Sie sollen nichts weniger sein als der stabilisierende Faktor in diesem globalen Spiel, deshalb könnte es sein, dass man diesmal nicht nur den Schiedsrichter Markus Merk wahrnimmt, sondern auch seine Linienrichter Jan-Hendrik Salver und Christian Schräer.
Die WM 2006 wird die erste in der Geschichte sein, die von eingespielten Gespannen geleitet wird. Bis 1990 waren die Weltturniere gänzlich assistentenfreie Zone gewesen; die Linienrichteraufgaben waren bis dahin stets unter den nominierten Schiedsrichtern aufgeteilt worden.
Pfiff der Italiener, winkten an der Seite vielleicht der Chilene und der Chinese; war sich der Italiener nicht ganz sicher, blickte er hinaus zum Chilenen oder zum Chinesen, aber das waren Männer, die er kaum kannte. Neigten sie dazu, zu früh zu winken? Oder entschieden sie im Zweifel für den Stürmer?
Nicht selten haben sich solche kunterbunten Trios zum Schaden des Spiels lustig missverstanden, und es war ein erster Schritt, dass die Fifa ihren WM-Referees bei der WM 1994 erstmals einen festen Assistenten erlaubte. So wurde Markus Merk bei der WM 2002 stets mit seinem Linienrichter Heiner Müller besetzt, der zweite Assistent kam aus einem Extra-Assistenten-Pool.
Bei der Euro 2004 in Portugal wurden erstmals feste Trios installiert, und nun erlebt Deutschland die WM-Premiere des Komplettgespanns. "Ich bin überzeugt, dass sich das in den Schiedsrichterleistungen widerspiegeln wird", sagt Salver, der zu den besten deutschen Assistenten zählt. "Schon bei der Euro hat sich ja gezeigt, dass es von Vorteil ist, wenn eingespielte Teams im Einsatz sind, die sich vertrauen. Aus Schiedsrichter-Sicht war die Europameisterschaft 2004 ein ruhiges Turnier."
Ohne dass die Öffentlichkeit dies groß bemerkt hätte, hat sich eine neue Art des Spezialisten herausgebildet: der Schiedsrichter-Assistent. "Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich als Schiedsrichter an meine Grenzen stoße", sagt Salver, "als Assistent dagegen habe ich diese Grenze noch nicht erreicht."
Ende der Neunziger ist Salver ein guter Zweitliga-Schiedsrichter gewesen. Jetzt aber ist er ein Weltmeisterschafts-Assistent, er ist fast im Wortsinne der rechte Arm von Markus Merk, des mutmaßlich besten Schiedsrichters der Welt.
Vielleicht muss man sich einen Schiedsrichter-Assistenten wie einen Tennisspieler vorstellen, der einen guten Aufschlag, ein gutes Volleyspiel, aber keinen richtigen Gewinnschlag hat; einen Tennisspieler, der immer wieder mal ein paar Euro verdient, aber nie richtig in die Weltklasse vorstößt.
Irgendwann entscheidet sich der Tennisspieler dann, sich fortan aufs Doppel zu konzentrieren. Er scheidet nicht mehr im Einzel aus, in der zweiten Runde eines ATP-Turniers; er kommt ins Doppelfinale, in Wimbledon oder New York.
So war das bei Jan-Hendrik Salver und Christian Schräer, sie sind jetzt Weltklasse-Assistenten und Markus Merk extra für die WM zugeteilt worden. In der Bundesliga steht Salver regulär beim Stuttgarter Erstliga-Referee Markus Schmidt an der Linie, "aber das letzte halbe Jahr", sagt er, "war ich eigentlich nur mit Markus Merk unterwegs". Zum Einspielen sozusagen.
Ein richtiger Schiedsrichter ist Salver auch noch, aber er kommt kaum mehr dazu. Er ist offiziell in der Oberliga Baden-Württemberg gemeldet, "aber bei 45 bis 50 Assistenten-Einsätzen pro Jahr bleibt fürs Selberpfeifen kaum mehr Zeit". Aber wahrscheinlich ist es so, dass man als Schiedsrichter nie aufhört, Schiedsrichter zu sein.
"Ich gehe immer noch mit dem gleichen Blick ins Spiel wie als Schiedsrichter", sagt er, "der Unterschied ist, dass ich mich weniger auf die spieltaktischen Abläufe konzentrieren muss." Dafür muss er "die Bewegungsläufe beim Abseits" besser intus haben als der Schiedsrichter, "das ist meine zusätzliche Kernkompetenz". Und wahrscheinlich kommt diesmal nicht mal die Fifa dazwischen.
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