Von Ulrich Hartmann

Schalke beklagt einen seltsamen Rhythmus: Nach der Pause lauert immer Gefahr.

In den vergangenen fünf Jahren war der FC Schalke 04 genau ein Mal Tabellenführer. Seit dem Saisonbeginn im Sommer 2001 wurden in der Fußball-Bundesliga 178 Spieltage ausgetragen und 178 Tabellenführer ermittelt. Nur ein einziges Mal war das Schalke. Am Samstag hätte eine gute Möglichkeit bestanden, die Branchenliste erstmals seit dem 13.März 2005 wieder anzuführen. Die Schalker erledigten ihre Aufgabe mit einem wenig erbaulichen 2:1 (2:0) gegen Hannover 96. Doch weil Werder Bremen gegen Bayern München 3:1 gewann, steht Schalke nur auf Platz zwei. Punktgleich mit Bremen zwar, aber eben nur Zweiter. Nach dem Spiel sagte Schalkes Trainer Mirko Slomka: ,,Ich bin ganz froh, dass Bremen gewonnen hat. Hätte es ausschließlich an uns gelegen, heute Tabellenführer zu werden, dann hätten wir bestimmt nur 2:2 gespielt.''

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Slomka hat einen Spaß machen wollen. Trotzdem muss man über das Selbstvertrauen seiner Elf nachdenken. Als die Schalker zuletzt im März 2005 die Tabelle anführten, haben sie dazu den FC Bayern 1:0 besiegt, und plötzlich war die erste Meisterschaft seit 1958 ein heißes Thema. Schalke ist einer der ambitioniertesten Vereine der Gegenwart, aber er blickt unter allen aktuellen Titelanwärtern am längsten auf den Gewinn der Meisterschaft zurück. 48 Jahre.

Nach jenem Sieg gegen München im März 2005 stand Schalke neun Spieltage vor Saisonende vorne und war berauscht von der Chance auf den Triumph. Von da an ging alles schief. Die Woche drauf verlor man 1:2 in Mainz. Man gewann von acht Spielen nur drei und verlor vier. Am Ende der Saison war Schalke Zweiter hinter den Bayern. Man stand in der Champions League, aber eben nur als Zweiter.

Schalke hat in dieser Saison das beste Team seit langem. Es steht in der Tabelle chancenreich, aber es spielt nicht konstant überzeugend. Am Samstag fehlten vier wichtige Spieler. Fabian Ernst, Sören Larsen und Gerald Asamoah waren verletzt, Marcelo Bordon hatte Grippe. Doch auch die Fußballer, die spielen konnten, zeigten gegen schwache Hannoveraner in der zweiten Halbzeit eine Leistung, die das 2:1 noch ein bisschen glücklich aussehen ließ. ,,Der Sieg war verdient'', sagte Slomka, ,,aber wir sind nicht zufrieden.''

Das Publikum pfiff sogar

Zum vierten Mal in dieser Saison hat Schalke kurz nach der Pause ein Gegentor bekommen. Hannovers Jan Rosenthal verkürzte in der 52. Minute die durch Bajramovic (17.) und Kobiaschwili (27.) herausgeschossene Führung. In der ersten halben Stunde war Schalke dominant, danach verlor man das Konzept, in der zweiten Hälfte ging fast nichts mehr. Slomka sagte, wenn er wüsste, warum man so oft nach der Pause ein Gegentor bekomme, hätte er Maßnahmen ergriffen. Spielmacher Lincoln sagte: ,,Ist doch völlig egal, wann wir ein Gegentor bekommen - solange wir zwei schießen!'' Die Stimmung auf Schalke entspricht nicht der tabellarischen Situation. Das Publikum pfiff zwischendurch sogar, was vor allem an der unansehnlichen Spielentwicklung lag.

Die Hannoveraner nutzten das wachsende Schalker Phlegma zu Raum- und Chancengewinn. Trotzdem verloren sie im fünften Spiel unter dem neuen Trainer Dieter Hecking zum ersten Mal. Der im Sommer zurückgekehrte Klubchef Martin Kind hätte diese Niederlage verniedlichen können und betonen, man sei trotzdem auf dem richtigen Weg, aber er äußerte sich kritisch. ,,Das wird eine schwere und harte Saison'', sagte er, ,,in der es vor allem um die Neuausrichtung des Vereins geht.'' Kind hält die Lage im Klub für problematisch. Der Manager Ilja Kaenzig wurde von ihm weitgehend entmachtet. Seither ist diese Position gewissermaßen vakant, und ob Kind für Kaenzig überhaupt noch Verwendung hat, ist unklar. ,,Er muss sich einbringen'', sagt Kind über Kaenzig, ,,er muss eine Basis mit dem Trainer finden.'' Den einstigen Profi Fredi Bobic, der als Manager im Gespräch ist, findet Kind ,,interessant''. Den Fußballer Jan Simak von Sparta Prag, über dessen Rückkehr nach Hannover spekuliert wird, besetzt er mit der selben Vokabel.

Kind beabsichtigt weitere Veränderungen, obwohl schon ,,die Veränderungen der vergangenen Monate für Irritationen gesorgt haben''. In solch unruhigem Umfeld tun sich Fußballer schwer. Für Trainer Hecking ist das allerdings keine Entschuldigung. Er sprach von ,,unsäglichen Abspielfehlern'' und der Verweigerung von Zweikämpfen. Dass er unzufrieden war, erklärt sich von selbst. Dass auch der Trainer der Siegermannschaft Anlass zur Klage besaß, ist Ausdruck eines enttäuschenden Spiels.

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(SZ vom 23.10.2006)