Schalke vor dem Bundesligastart Endlich wieder Krise

War das der Grund für die Schalker Verirrung? Die Königsblauen (vorne: Adam Szalai) spielten im Pokal in Grün. Blau trug der Gegner aus der Oberliga.

(Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Im Zentrum mangelt es an Tempo, auf den defensiven Außenposten klaffen Lücken: Schalker Kulturpessimisten können beruhigt sein. Nach dem mühsamen Pokalsieg gegen einen Fünftligisten steckt der Klub endlich wieder in einer Krise.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Seitdem Schalke ein Traditionsverein ist - also seit ungefähr 109 Jahren -, sorgen sich die Schalker um die Tradition ihres Vereins. Der Satz "Datt is nich' mehr mein Schalke" hat Generationen von Anhängern durch die Zeiten begleitet. Er wurde ausgerufen, wenn es Skandale und Unruhen gab, aber mindestens ebenso oft war er zu hören, wenn die Skandale ausblieben und die Leute Angst bekamen, ihr Klub sei gewöhnlich geworden.

Zuletzt kamen wieder Bedenken auf, denn die Dinge fügten sich in Schalke zu einem Bild von erschreckender Harmonie: Dem Manager Horst Heldt wurden von der Konkurrenz und den Anhängern Kränze für seine verheißungsvolle Transferpolitik geflochten; das Präsidium machte sich um den Vereinsfrieden verdient, indem es den umstrittenen Vertrag mit der Ticketbörse Viagogo kündigte; Gerald Asamoah kehrte heim zur königsblauen Familie; und am vorigen Samstag nahm Raúl ein weiteres Mal unter Tränen die Ovationen der Fans entgegen. Den traditionsbewussten Schalker Kulturpessimisten war das alles nicht geheuer.

Erste Runde im DFB-Pokal Schalke quält sich weiter

Alles andere als souverän schafft es der FC Schalke 04 in die nächste Runde im DFB-Pokal. Gegen den Fünftligisten FC Nöttingen muss die Elf von Jens Keller ums Weiterkommen bangen - doch dann macht Leon Goretzka in der Nachspielzeit alles klar. Union Berlin besiegt Regensburg, Duisburg scheitert.

Nun hat Schalke am Montag unter größten Mühen die Pokal-Begegnung mit dem Oberligisten FC Nöttingen überstanden, der 2:0-Sieg gestattete dem Torjäger (und Schützen zum 1:0) Klaas-Jan Huntelaar zwar, den lakonisch-lässigen Kommentar "first game, first win" in die Welt zu senden. Mehr Gutes fiel den Akteuren aber nicht ein zu ihrem Ausflug ins Badische, wo die Mannschaft nach Ansicht von Jens Keller nicht nur arrogant gespielt hatte, sondern sogar "extrem arrogant". Und überheblich sowieso. "Uns ist in keiner Sekunde das gelungen, was wir uns vorgenommen hatten", stellte der Trainer fest. Dabei hatte die Partie inklusive Nachspielzeit und zwei Nöttinger Lattentreffern 5670 Sekunden gedauert.

Am Freitag hatte Keller noch gewitzelt, als er über die Einstimmung aufs Pokalspiel beim Fünftligisten referierte. "Wir bereiten uns nicht vor, sondern gehen nur ins Schwimmbad", hatte er gesagt, um dann aber mal in aller Deutlichkeit festzustellen, dass man selbstredend auch dieses vermeintliche Freilos "konzentriert und seriös" angehen werde. "Wir fahren mit Selbstbewusstsein dahin, aber wir werden nicht überheblich auftreten", versicherte der Trainer, und möglicherweise weiß er jetzt selbst nicht mehr, welche dieser Aussagen er ironisch gemeint hatte.

Kapitän Benedikt Höwedes sah sich jedenfalls gleich nach dem ersten Pflichtspiel genötigt, das ganze Repertoire des Warnens und Mahnens zu aktivieren: Von "katastrophale individuelle Fehler" bis "Warnschuss" und "jetzt muss jeder mitziehen" war schon alles dabei. Julian Draxler, den die Fachpresse während der langen Sommerpause wahlweise als Superstar oder gleich als Weltstar geadelt hatte, entging dank der Gnade des Schiedsrichters sogar einem Platzverweis nach einer Tätlichkeit.

Dass der tückische Pokal immer bestens dazu geeignet ist, die Optimisten zu belehren, das haben am Wochenende einige Bundesligaklubs erfahren müssen, aber in Schalke ist man schon ein bisschen nachdenklich geworden. Worauf beruhte eigentlich der Glaube an Ruhm und Ehre, der sich während der vergangenen Wochen überall ausgebreitet hatte? Von den vier Neuzugängen standen Adam Szalai und Christian Clemens auf dem Platz, der 18-jährige Leon Goretzka kam in der Schlussphase hinzu und schoss in der Nachspielzeit das 2:0. Eine Einzelbewertung erübrigte sich, weil die Mannschaft als Ganzes enttäuschte. Aber es deutete sich an, dass die Konstruktion wie im Vorjahr zur Instabilität tendiert, wenn nicht alle Spieler mit voller Intensität bei der Sache sind. Im Zentrum mangelt es an Tempo, auf den defensiven Außenposten klaffen Lücken. Altbekannte Probleme.

Für Manager Heldt, der seine Saisonplanung nach der Verpflichtung von Szalai vor fünf Wochen bereits abgeschlossen wähnte, sieht sich zudem gezwungen, die Arbeit an der Transferbörse wieder aufzunehmen. Dass der geliehene Linksaußen Michel Bastos plötzlich von seinem Besitzer Olympique Lyon in die Wüste verkauft wurde, obwohl er mit Schalke einen gültigen Vertrag hatte, gehört zwar zu den Kuriositäten der Fußballwirtschaft. Aber wegen des verklausulierten Vertragswerks kam der Brasilianer nicht ganz unvermittelt abhanden.

Heldt startete daraufhin mutige Anfragen bei der Konkurrenz. Aber dass Leverkusen keine Neigung hat, den Nationalspieler Sidney Sam abzugeben und der FC Bayern den hochbegabten Xherdan Shaqiri ebenso behalten möchte wie der VfB Stuttgart den begabten Ibrahima Traoré, hätte er sich durchaus denken können. Die Schalker Skeptiker können sich also entspannen: Es gibt wieder ein paar Gründe zur Beunruhigung.