Von Claudio Catuogno

Nach glänzender erster Hälfte inklusive 2:0-Führung sucht Tabellenführer Schalke 04 nach Erklärungen für das Remis in Wolfsburg.

Ganz zum Schluss, bevor er durch die offene Glastür entschwand, hat Mirko Slomka noch mitgeteilt, dass Schalke gar nicht Meister werden kann. Für die königsblaue Welt ist das natürlich eine erschütternde Erkenntnis gewesen.

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Aber Slomka saß da wie immer in seiner lässigen Wildlederjacke: sonnengebräunt, lächelnd, als beunruhige ihn die Erkenntnis in keinster Weise. Welche Erklärungen er habe, war Slomka gefragt worden, dass seine Elf trotz 2:0-Führung und einer stilprägenden ersten Halbzeit beim VfL Wolfsburg nun bloß ein mageres Pünktchen mitnehme.

Slomka beugte sich zum Mikrofon und sagte einen einzigen Satz: "Der VfL ist stärker geworden, das ist die Erklärung." Das also ist alles? Ein Kleinstadtklub aus dem Niemandsland der Tabelle wird plötzlich stärker - und Schalke muss sich geschlagen geben? Slomka beugte sich noch mal zum Mikrophon. "Natürlich. Das ist alles."

Schlafwandlerisch elegant

Seine Analysen waren schon ergiebiger, aber der Trainer der Schalker hat verschmitzt gegrinst beim Hinauslaufen aus dem Wolfsburger Stadion, weshalb Zweifel angebracht sind am Wahrheitsgehalt seiner pessimistischen Darstellung.

Schalke kann sehr wohl Meister werden, muss sich Slomka gedacht haben - aber eben nur, wenn es aus dem 2:2 in Wolfsburg die richtigen Schlüsse zieht. Und der erste richtige Schluss bestand gleich mal darin, sich Diskussionen über das späte Scheitern mit einem sanften Lächeln zu entziehen, anstatt sich auf die entscheidenden Fragen einzulassen: War Schalke zu überheblich geworden? Zu selbstzufrieden? "Zu sicher, dass wir den Sieg schon im Sack haben", wie der zweifache Torschütze Kevin Kuranyi einräumte? Mirko Slomka lächelte. "Wir freuen uns jetzt einfach, dass wir hier einen Punkt mitnehmen", flötete er.

Die Wahrheit war, dass die erste Halbzeit am Samstagnachmittag dem Schalker Ensemble allen Anlass zu Überheblichkeit gegeben hätte. Lincoln, der Mittelfeldregisseur, verteilte die Bälle geradezu schlafwandlerisch elegant: per Hacke rüber auf die Außenbahn, hinter dem Standbein vorbei in den Lauf der Kollegen.

Fast alles gelang, die Schalker schienen derart über den Rasen zu schweben, dass man den Begriff "Blaues Ballett" hätte erfinden müssen, wenn man anderswo in der Bundesliga mit kickenden Balletttänzern nicht schon schlechte Erfahrungen gemacht hätte. Selten, teilten die überrumpelten Wolfsburger später mit, hätten sie sich im eigenen Stadion derart in die eigene Hälfte gedrängt gefühlt wie in diesen ersten 45 Minuten.

In der zehnten Minute wuchtete Kuranyi den Ball per Kopfstoß an hilflosen Wolfsburger Verteidigern vorbei zum 1:0 ins Netz, und die Fans sangen "Der S 04 ist wieder da", auf die Melodie von "Oh when the Saints are marching in". In der 29. Minute drosch Kuranyi den Ball per Außenrist an hilflosen Wolfsburger Verteidigern vorbei zum 2:0 in den Winkel, und die Fans sangen abwechselnd "Lalala" (auf die Melodie von "Jingle Bells") und "deutscher Meister wird nur der S 04" (auf die Melodie eines zuletzt vom FC Bayern annektierten Kulturliedes).

Und die Anhänger des VfL Wolfsburg? Beklatschten in der 43. Minute den ersten Eckball für ihr Team. Das waren die Verhältnisse in dieser ersten Halbzeit, über die Wolfsburgs Trainer Klaus Augenthaler später befand, "dass wir überhaupt nicht stattgefunden haben". Der FC Bayern mühte sich vergeblich in Aachen, Werder Bremen musste sich dem Hamburger SV geschlagen geben, und niemand in Wolfsburg zweifelte zu diesem Zeitpunkt daran, dass Schalke 04 im Jahr 2007 deutscher Meister wird.

Doch dann saß später Mirko Slomka auf dem Podium und musste zuhören, wie Kollege Klaus Augenthaler über scharf getretene Freistöße von der rechten Seite referierte. "Wir üben diese Variante etwa zweimal die Woche im Training", sagte er, "das ist ein probates Mittel gegen starke Gegner." Und ein wirkungsvolles. 56. Minute: Scharf getretener Freistoß von Marcelinho von der rechten Seite, Kopfball Diego Klimowicz, 1:2. 89. Minute: Scharf getretener Freistoß von Marcelinho von der rechten Seite, angetäuschter Kopfball Klimowicz, 2:2.

Der Schiedsrichter trug dann zwar Klimowicz als Torschützen in den Spielberichtsbogen ein, doch Marcelinho kündigte an, er werde am Abend sein erstes Tor für den neuen Klub begießen, und Augenthaler fügte an: "Ob Diego noch dran war, ist mir herzlich egal." Slomka saß daneben, als Trainer der in letzter Minute übertölpelten Schalker, und wollte nicht erklären, wie es dazu gekommen war. "Vielleicht hätten wir die beiden Freistöße verhindern müssen", sagte er.

Seit zweieinhalb Jahren ist Slomka jetzt in Gelsenkirchen, erst als Assistent, nun als Cheftrainer - lange genug, um sich mit den Verhältnissen im Arbeiterklub vertraut zu machen, der seit 1958 auf seinen achten Meistertitel wartet. Die erste Halbzeit war in dieser Hinsicht ein Versprechen. Die zweite Halbzeit war eine Erinnerung daran, wie viele Versprechen Schalke schon gebrochen hat seit 1958.

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(SZ vom 19.2.2007)