Von Michael Mary

Was drängt, zieht oder zwingt Millionen Menschen in die Fußballstadien und was putscht die ganze Welt dazu auf, gegeneinander anzutreten? Der Philosoph wird von der Weltmetapher Fußball sprechen, der Soziologe mag den Kampfcharakter der Veranstaltung betonen, und der Psychologe wird den einzelnen Krieger herausstellen. Es geht demnach um Kampf, ja mehr noch - es geht um Krieg.

Arena AufSchalke

Die Arena AufSchalke in Gelsenkirchen (© Foto: dpa)

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Krieger waren zu allen Zeiten die Männer. Nicht etwa, weil Männer von Natur aus destruktiver wären als Frauen, sie hatten einfach nur die Hände frei, um Knüppel oder Speer zu schwingen und notfalls die Interessen ihrer Stämme mit massivem körperlichem Einsatz zu vertreten. Der Fußballfan ist so ein Krieger, der am gefährlichen Spiel des Lebens - am Siegen und Verlieren, am Auferstehen und am Untergehen - teilnimmt.

Der Schalker Fan macht da keine Ausnahme. Am Wochenende verwandelt er sich von ordentlichen Knappen in einen 'Königsblauen'. Diese radikale Verschiebung seiner Identität erlaubt ihm Dinge zu tun, die sich alltags nicht gehören: Er zieht in lärmenden Gruppen durch die Stadt, erobert Tram und Straßen im Sturm, wirft mit leeren Flaschen und wüsten Sprüchen um sich und zieht, vorbei an Krankenwagen, Polizei, Ordnern, jähe Schlachtrufe brüllend, in die Arena ein.

Dort kann die Schlacht beginnen, dort vereinigt sich der Schalker Fan mit weiteren 60000 Königsblauen zu einem einzigen gewaltigen, springenden, tobenden und jubelnden Körper. Er ist dieser Körper, er ist diese ungeheure Macht und wächst über seine Gedanken, seine Ängste, seine Sorgen und die gesamte Zukunft hinaus und stürmt in archaische Emotionen des Augenblicks hinein.

Das ist Fußball als effektive Form sozialer Selbsttherapie. Als zivile Möglichkeit, aus seiner Haut zu fahren und ein anderer zu sein. Keine Gnade für den Gegner. Männer, die jubeln und Männer mit Tränen in den Augen. Und dazwischen: Frauen, die das Gleiche tun. Die Amazonen stellen wohl ein Viertel aller Kämpfer - und zeigen damit, dass heute auch die Frauen beide Hände frei haben.

Eine Erinnerung an meinen letzten Urlaub: Maoris beim Kriegstanz. Männer und Frauen mit grässlich angemalten Gesichtern, Gefahr und Schrecken verbreitend. Die Schalker und Schalkerinnen stehen solcher grandiosen Inszenierung kaum nach.

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(Der Autor ist Paartherapeut. Zuletzt erschienen: "Lebe deine Träume" Lübbe.)