Schachspieler Fabiano Caruana Kühler Kopf, der Carlsen herausfordern könnte

Darf er Carlsen herausfordern? Fabiano Caruana (Archivbild).

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Schachspieler Fabiano Caruana führt nach neun von vierzehn zu spielenden Runden das achtköpfige Großmeisterfeld beim WM-Kandidatenturnier in Berlin an.
  • Wenn Caruana weiterhin so stark spielt, wird er dem Norweger im November in London gegenübersitzen.
  • Sein Vorsprung vor dem Zweitplatzierten Schachrijar Mamedjarow hätte sogar noch größer sein können - doch am Ende einer Partie patzte er.
Von Martin Breutigam, Berlin

Als Fabiano Caruana am späten Dienstagabend alle Finessen und Fehler seiner sechseinhalbstündigen Partie gegen den Chinesen Ding Liren erläutert hatte, beantwortete er, erschöpft und auch ein bisschen enttäuscht, noch eine persönliche Frage. Nein, auf der Straße daheim in Florida werde er fast nie erkannt, sagte Caruana. Und er habe auch überhaupt nichts dagegen, wenn es künftig dabei bliebe. Die Scheu vorm Berühmtsein passt zum bescheidenen Auftreten des 25 Jahre alten US-Amerikaners. Sie steht indes im Widerspruch zu seinen Leistungen beim Kandidatenturnier im Kühlhaus am Berliner Gleisdreieck, wo momentan der nächste Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen ermittelt wird.

Wenn Caruana weiterhin so stark aufzieht in Berlin, wird er dem norwegischen Schach-Star im November in London gegenübersitzen - und fortan womöglich nirgends mehr inkognito durch die Straßen ziehen können. Caruana führt nach neun von vierzehn zu spielenden Runden das achtköpfige Großmeisterfeld an. Sechsmal hat er bislang remis gespielt und dreimal gewonnen: gegen seinen Landsmann Wesley So sowie gegen Wladimir Kramnik und Lewon Aronjan, die zuvor oft als Favoriten genannt wurden, inzwischen aber abgeschlagen am Tabellenende stehen.

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Caruana begeht noch einige Fehler in Berlin

Caruana hat nur einen halben Vorsprung auf den Zweitplatzierten Schachrijar Mamedjarow aus Aserbaidschan. Es hätte durchaus ein ganzer Punkt sein können. Doch am Ende der besagten Partie gegen Ding Liren verdarb er seine zuvor systematisch angehäuften Vorteile noch zum Remis. Springer nach f8 und dann Bauer nach h6 - Ding hätte sofort aufgeben können! "Das war eine ziemlich einfache Kombination und ich hatte noch einige Minuten Zeit. Ich hätte sie also finden sollen", sagte Caruana.

Sein Spielstil mag im Vergleich mit einem schöpferischen Typ wie Lewon Aronjan ein wenig technisch erscheinen. Andererseits liegt in Caruanas ausgeprägter Fähigkeit, die Lage stets rational zu bewerten, sicherlich eine Ursache seines Erfolgs. "Wenn man gut spielt und seine Chancen nutzt, kommen auch gute Resultate", lautet Caruanas Motto. Zwar wirkt auch er unmittelbar vor den Partien im Kühlhaus nervös, etwa wenn er hinterm Vorhang im Ruhebereich der Spieler gedankenverloren hin und her läuft.

Doch am Spieltisch zeigt Caruana kaum Emotionen. Stundenlang scannen seine wachen, dunkelbraunen Augen hinter der eckigen Brille das Brett ab. Auch wenn sein König wüst angegriffen wird, wie in der siebten Runde vom Armenier Aronjan, zeigt Caruana eine gute Impulskontrolle. "Klar, das sieht gefährlich aus", sagte er hinterher beim Blick auf Aronjans Angriff. "Aber ich habe das Läuferpaar und zwei Mehrbauern. Normalerweise lassen sich im Schach viel schlechtere Stellungen verteidigen." Caruana gilt auch als ein äußerst disziplinierter Arbeiter, der zu Hause von morgens bis abends an Eröffnungsvarianten feilt.

Seine Kindheit verbrachte er in den USA. Weil seine Großeltern aus Italien stammen, besitzt Caruana auch einen italienischen Pass. Als er zwölf war und sein überragendes Schachtalent längst erkannt, zogen die Eltern mit Fabiano nach Europa. Das Wunderkind lernte in Metropolen wie Madrid und Budapest verschiedene Kulturen und Trainer kennen. Noch als 14-Jähriger hatte er alle Normen für den Großmeistertitel erfüllt. Fortan spielte er eine Dekade lang für Italien. Im Oktober 2014 rückte er mit einer Elo-Zahl von 2844 auf Platz zwei der Weltrangliste vor. Mit dieser Wertungszahl wird im internationalen Schachbetrieb die Stärke der Spieler angegeben - Caruanas 2844 bedeuteten den drittbesten Ratingwert der Geschichte (nur Magnus Carlsen und Garri Kasparow wiesen einmal mehr Elo-Punkte auf). Seit 2015 spielt Caruana für die USA, wo er inzwischen wieder lebt.

Den letzten fünf Runden im Berliner Kühlhaus sieht Caruana mit der Gewissheit entgegen, bislang "ziemlich gutes, kämpferisches Schach" gespielt zu haben, "auch wenn eine Reihe von Fehlern dabei waren". Allzu viele sollten ihm am heutigen Donnerstag nicht unterlaufen, wenn er mit Schwarz gegen seinen direkten Verfolger Schachrijar Mamedjarow standhalten will.

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