Schach Der Tiebreak ist das würdige Ende der Schach-WM

Magnus Carlsen führt im Schachspiel unter Zeitdruck vor, dass er der Beste ist. Mit einem Zufallssieger hat das nichts zu tun.

Kommentar von René Hofmann

Anatolij Karpow hatte unrecht. Vor den entscheidenden Partien der Schach-WM zwischen Titelverteidiger Magnus Carlsen und Herausfordererer Sergej Karjakin hatte Karpow in markigen Worten den Modus kritisiert. "Das ist kein Schach mehr", fand der Russe, der den Weltmeistertitel selbst insgesamt zehn Jahre lang innegehabt hatte. Tie-Break: Erst Schnellschach, dann Blitzschach, am Ende vielleicht eine "Armageddon"-Partie - diese Aussicht gefiel Karpow gar nicht.

"So kann man den Meister in einem Hinterhof ermitteln, aber nicht den Weltmeister", höhnte der 65-Jährige, der 1984 einen epischen WM-Kampf gegen Herausforderer Garri Kasparow gefochten hatte, der nach mehr als fünf Monaten abgebrochen worden war, in denen die beiden sich 48 Mal duelliert hatten.

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Wann ist genug gespielt? Und: Was tun, wenn sich auf die gewohnte Weise einfach nicht ermitteln lässt, wer der Bessere ist? Diese Fragen stellen sich im Sport immer wieder. Antworten sind nicht leicht zu finden. Die Tennis-Spieler kennen auch den Tie-Break. Wenn es in einem Satz 6:6 steht, ändert sich die Zählweise, und die Bedeutung jedes Schlages steigt. Meistens jedenfalls. Die Grand-Slam-Turniere in Melbourne, in Paris und in Wimbledon halten bis heute im fünften Durchgang an der Tradition fest und verzichten auf einen Tie-Break.

Auch im Fußball gab es schon viele Experimente. Golden Goal (ein Tor in der Verlängerung entscheidet die Partie sofort), Silver Goal (bei einem Tor in der Verlängerung wird noch bis zur Pause gespielt), der einstige FC-Bayern-Trainer Louis van Gaal brachte sogar einmal ein "Gladiatorenspiel" ins Gespräch. Weil er das Elfmeterschießen für eine Lotterie hielt, hätte der Niederländer es gerne gesehen, wenn in der Verlängerung alle fünf Minuten von jeder Elf ein Spieler vom Platz gemusst hätte; in den letzten fünf Minuten hätten dann nur noch sechs gegen sechs gespielt. Die Idee hat es über den Hinterhof des FC Bayern dann aber doch nicht hinaus geschafft.

Was all die Beispiele lehren: Egal, wie die Entscheidung letztlich zustande kommt, unumstritten ist das Wie nie. Für das Duell zwischen Carlsen und Karjakin, das in der Nacht zum Donnerstag in New York endete, aber lässt sich konstatieren: Der Tie-Break bildete einen würdigen Rahmen. Der Showdown brachte keineswegs einen Zufallssieger hervor. Mit einem gezielt herbeigeführten Remis in der letzten regulären Partie hatte Carlsen sich bewusst in den Schlagabtausch mit verkürzter Bedenkzeit gestürzt.

In diesem führte der Norweger vor, was ihn auszeichnet: Dass er über mehr Improvisationskünste und mehr Offensivfreude verfügt als Karjakin. Dass der kontemplative Denksport schlechthin am Ende unter Zeitdruck entschieden wird, mag manche Puristen stören. Das Denken aber ist von gestern.

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