Schach Aus Simferopol nach New York

Großmeister mit zwölf, WM-Herausforderer mit 26: Sergej Karjakin hat sich beim Kandidatenturnier in Moskau überraschend an die Spitze gesetzt.

(Foto: Sergei Ilnitsky/dpa)

"Selbst ein Bauer kann zur Dame werden" - dieser Spruch weckte einst Sergej Karjakins Interesse. Nun fordert der Russe Magnus Carlsen zum WM-Duell.

Von Johannes Aumüller

Sergej Karjakin war gerade zwölf, als er das erste Mal an einer WM teilnahm. 2002 kämpfte sein Landsmann Ruslan Ponomarjow um den Titel, der damals nicht so viel wert war wie heute, weil sich viele Profis vom Weltverband Fide abgewandt hatten. Und in seine Sekundantentruppe nahm Ponomarjow neben gestandenen Schachprofis auch Karjakin auf, der schon damals als Schach-Wunderkind hofiert wurde. Fortan durfte sich der kleine Sergej für die Feinheiten der französischen Verteidigung zuständig fühlen, und als der Kampf vorbei war, gab es einen Dank: Ponomarjows gebrauchten Laptop. So ganz nebenbei erzählte Sergej Karjakin schon damals, er würde übrigens selbst mal Weltmeister werden.

14 Jahre später darf er wieder an einer WM teilnehmen. Diesmal ist er es, der die Sekundanten um sich schart. Mit einem feinen Turmopfer sicherte er sich am Montagabend in der Schlussrunde des Moskauer Kandidatenturniers den Sieg über seinen ärgsten Rivalen, Fabiano Caruana aus den USA. Der Erfolg bedeutete Platz eins in einem starken Achterfeld und die Qualifikation für den WM-Kampf gegen den norwegischen Titelträger Magnus Carlsen im November. Es war ein Triumph, der gleich mehrere Geschichten erzählt.

Zum Beispiel jene eines Generationenwechsels. Der indische Routinier Viswanathan Anand schlug sich in Moskau zwar sehr achtbar und kam auf den geteilten zweiten Platz; aber der frühere Weltmeister ist schon 46, die Zukunft scheint anderen zu gehören. Karjakin ist 26, Caruana 23, Carlsen 25. Dass sich in einem Titelkampf zwei Mittzwanziger gegenüber sitzen werden, gab es in 130 Jahren Schach-WM-Geschichte auch noch nicht.

In der Ukraine bekam er bloß 2000 Dollar - in Russland aber schenkte man ihm eine Wohnung

Zugleich ist Karjakins Erfolg die vorläufige Rundung einer typischen Schach-Wunderkind-Biografie, nicht unähnlich der von Caruana und Carlsen, alle von Kindertagen an gepolt in Richtung Weltspitze. Mit fünf begann er mit dem Sport, nachdem er im Fernsehen einen Werbefilm gesehen hatte, in dem es hieß: "Selbst ein Bauer kann zur Dame werden." Fortan ging's zum Schachunterricht, die Urgroßmutter spielte leider nur Dame, und der kleine Sergej mangels Gegnern auch mal gegen sich selbst. Vater und Mutter gaben ihre Jobs auf, um die Karriere zu unterstützen. Spätestens mit zwölf fiel Karjakin dann auf, weil er nicht nur als Ponomarjows Sekundant zugange war, sondern weil er auch als bis dahin jüngster Spieler der Historie den Großmeister-Status erwarb. Lange ging es aufwärts, doch der absolute Durchbruch schien ihm verwehrt zu bleiben. Manche sagten, ihm fehle der nötige Biss. Unter den acht Großmeistern am Moskauer Turnier war Karjakin der Teilnehmer mit der zweitschlechtesten Weltranglistenplatzierung. Kaum jemand sah ihn als Favorit, einer allerdings stufte ihn hoch ein: Carlsen, der Weltmeister.

Und nicht zuletzt steht hinter Karjakins Triumph eine politische Geschichte. In Simferopol auf der Krim kam er zur Welt, lange spielte er für die Ukraine, dann wechselte er zum russischen Verband. In seinem Fall hatte das nichts mit den aktuellen Spannungen um die Halbinsel zu tun, sondern geschah bereits 2009, weil er in der Ukraine nicht genügend Unterstützung bekommen habe: keine gescheiten Trainer und selbst für den Sieg bei der Schach-Olympiade gerade mal 2000 Dollar brutto. In Moskau dagegen hätten sie ihm eine Wohnung geschenkt, berichtete er, die er dann gleich gegen ein Haus auf dem Land getauscht habe - wegen der besseren Luft.

Im Schach-Land Russland hat Sergej Karjakins Sieg nun eine neue Euphorie geweckt. Über Dekaden waren sie es dort gewohnt, dass Vertreter der Sowjetunion oder Russlands den WM-Titel inne hatten, sportpolitisch haben sie - angeführt vom dubiosen Fide-Präsidenten Kirsan Iljumschinow - im Schach weiter das Sagen. Aber es ist das erste Mal seit 2008, dass ein Russe wieder um den WM-Titel spielt. "Das war ein symbolischer Sieg Russlands über Amerika", trompetete Schach-Präsident Andrej Filatow nach Karjakins Sieg gegen Caruana.

Überhaupt, Amerika. In New York steigt der WM-Kampf gegen Carlsen - und die Vermarkter hatten sich bereits auf eine tolle Inszenierung gefreut. Der Amerikaner Caruana oder der Amerikaner Hikaru Nakamura gegen Carlsen, das waren die Wunsch-Duelle. Beide gelten als Gegenentwürfe zum coolen Popstar aus Skandinavien: Nakamura als Mann mit frecher Schnauze und oft (übertrieben) scharfen Zügen, Caruana als introvertierter, aber stets chic gekleideter Stratege. Und beide haben einen engen Bezug zu New York: Nakamura lebt dort, Caruana ist in Brooklyn aufgewachsen.

Sein Lieblingsbuch? "Die New Yorker Super-Turniere von 1924 und 1927"

Aber Karjakin? Der lässt die Schachwelt rätseln. Er wirkt manchmal etwas spröde, stottert ein wenig und trägt jetzt einen dünnen Schnurr- und Backenbart. Manche Beobachter stufen ihn als eine Art Sowjet- Retro ein: als brillanten Rechner, aber auch als etwas langweiligen Schach-Nerd. Bisweilen bedient Karjakin das Klischee, auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch antwortete er einmal: "Die New Yorker Super-Turniere von 1924 und 1927."

Andererseits dürfte ihm diese Charakteristik kaum gerecht werden. In einem längeren Interview, das er 2013 der russischen Zeitung Sport Express gab, präsentierte er sich schlagfertig und mit witzigen Anekdoten. Er spottete über die Konkurrenz, auch über Caruana, der doch nur einen fanatischen Vater habe und mit seinen vielen Partien pro Jahr Selbstmord am eigenen Gehirn begehe. Genüsslich erzählte er auch jene Episode, wie ihn in Teenie- Jahren die Schachspielerin Ruslana Pysanka bei einer Zeremonie tief dekolletiert an die Hand genommen und gesagt habe: "Jüngchen, du sollst nicht nur Schach spielen, sondern auch andere Übungen machen." Auch jetzt in Moskau war Karjakin durchaus zu Scherzen aufgelegt.

Eine Show dürfte es in New York jedenfalls auf dem Brett werden. Es gibt Schach- Experten, die Karjakins Stil als besonders unangenehm für Magnus Carlsen einschätzen. In Moskau verteidigte er stark, bot zähe Endspiele und spielte dabei quasi fehlerlos. Ein Konkurrent nach dem anderen vergab dicke Chancen: Caruana, Lewon Aronjan, auch der Niederländer Anish Giri, der oft besser stand und es fertig brachte, alle 14 Partien remis zu spielen. Wenn aber Karjakin einen Vorteil hatte, gab er ihn nicht mehr her.