Manche Experten sehen Russland schon auf dem Weg zu einer Fußball-Großmacht. Doch dafür müsste sich die Qualität der Abwehr deutlich heben - und das ist derzeit nicht in Sicht.
Die russische Nationalmannschaft ist voll von EM-Entdeckungen. Jurij Schirkow ist die Entdeckung unter den Außenverteidigern, Roman Pawljutschenko die Entdeckung unter den Stürmern, der divenhafte Andrej Arschawin die Entdeckung überhaupt, und die Sbornaja als solche sowieso eine. Bei so vielen Entdeckungen sowie angesichts des jungen Durchschnittsalters der Mannschaft (zirka 23 Jahre) und des namhaften Trainers (Guus Hiddink) kann es ja nur aufwärts gehen, mutmaßen Experten - und sehen Russland schon als Geheimfavorit bei kommenden Großveranstaltungen.
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Zu schwach für internationale Ansprüche: Russlands Abwehr um Sergej Ignaschewitsch (links) (© Foto: AFP)
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Doch, Vorsicht. Die Russen haben ein Kardinal-Problem, das sie aller Voraussicht nach auch in den nächsten Monaten und Jahren nicht lösen werden: die Besetzung der Abwehr. Nicht nur bei den beiden Niederlagen gegen Spanien (1:4 in der Vorrunde/ 0:3 im Halbfinale) zeigte sich, dass die Defensive mit deutlichem Abstand der schwächste russische Mannschaftsteil ist. Von den vier eingesetzten Innenverteidigern (Schirokow, Kolodin, Ignaschewitsch, Beresuzkij) demonstrierten allenfalls Kolodin und Ignaschewitsch, dass sie internationalen Ansprüchen zumindest ein wenig genügen.
Besserung ist nicht in Sicht. In der russischen Premjer-Liga gibt es keine jungen Verteidiger, die in die Nationalmannschaft drängen. Dass die Verantwortlichen vor einigen Monaten andachten, den in der ehemaligen Sowjetunion geborenen Nürnberger Verteidiger Andreas Wolf einzubürgern ist keine lustige Anekdote, sondern ein ernsthafter Ausdruck der russischen Abwehr-Problematik.
Kreative Lösungen
Zumal sich diese Problematik bei einem Blick ins defensive Mittelfeld verstärkt. Denn der dort eingesetzte Kapitän Sergej Semak besitzt zweifellos seine Qualitäten - war aber eigentlich eine Notlösung, nachdem er seine Nationalmannschaftskarriere schon längst beendet hatte. Hiddink suchte verzweifelt nach einer guten Besetzung dieser Position, ehe er sich kurz vor der EM des 32-Jährigen von Rubin Kazan besann. Ob das eine Lösung von Dauer ist, bleibt abzuwarten.
Über die Offensive hingegen muss sich Hiddink auch in Zukunft keine Gedanken machen. Arschawin, Pawljutschenko und Torbinskj haben der Fußball-Öffentlichkeit ihre Fähigkeiten unter Beweis gestellt, Biljaletdinow und Sytschew auch. An die Qualitäten des derzeit verletzten Pawel Pogrebnjak erinnern sich nicht nur die Verantwortlichen von Bayern München, dessen Abwehr im Uefa-Pokal gegen Pogrebnjaks Klub St. Petersburg den Stürmer nie in den Griff bekam. Und in der russischen Liga machen mit den Zenit-Spielern Fajsulin und Denisow oder dem jungen Spartak-Mann Pawlenko schon die nächsten schnellen Offensiv-Künstler auf sich aufmerksam.
Ein innerer Balanceakt, den Hiddink erst noch ausgleichen muss. Vielleicht findet er dabei ja wieder so eine kreative Lösung wie vor dieser EM: Als er über zu viele gute Offensivspieler verfügte, jedoch keinen schnellen Linksverteidiger in seinem Kader hatte, funktionierte er einfach Jurij Schirkow vom Mittelfeld- zum Abwehrspieler um - der Mann von ZSKA Moskau avancierte neben Philipp Lahm zum besten Linksverteidiger des Turniers.
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(sueddeutsche.de/pes)
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