Die Résistance als Motivation: Fernsehbilder aus der Kabine machen Frankreichs Rugby-Auswahl und ihren Coach Bernard Laporte lächerlich
Es ist zur Mode geworden, dass der Sport die Kamera in sein Allerheiligstes eindringen lässt. In die Kabine, dorthin, wo die Athleten sich auf den großen Kampf einschwören. Allerdings trägt dieses Eindringenlassen auch Züge von Prostitution. Der Zuschauer will die archaische Seite des Sports erfühlen, doch wenn er diese Welt vor sich hat, droht der Zauber zu verblassen. Ein Bild im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand, aus dem Zusammenhang gerissen, kann das echte Gefühl niemals einfangen. Manchmal wirkt das Männer-Pathos lächerlich, wenn sich Stimmen überschlagen, manchmal erhebt die political correctness ihr Haupt. So geschah es, als Jürgen Klinsmann im Sommermärchen seine Männer aufforderte, sich den WM-Titel nicht wegnehmen zu lassen, "schon gar nicht von den Polen", welche man "durch die Wand hindurch knallen" müsse. Darf man das? Das diskutiert nun die französische Öffentlichkeit, nachdem die nationale Rugby-Auswahl vor dem WM-Eröffnungsmatch in der Kabine einen Text hörte, der mit den Worten beginnt: Je vais mourir. Ich werde sterben.
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Die Résistance als Motivationshilfe
Der 17-jährige Widerstandskämpfer Guy Môquet leitete so den Abschiedsbrief an seine Familie ein, bevor er am 22. Oktober 1941 von den deutschen Besatzern erschossen wurde - in der Hoffnung, sein Opfergang werde Volk und Vaterland dienen. Nicolas Sarkozy zitierte Môquet gern im Wahlkampf und ordnete als Staatspräsident an, der Brief des kommunistischen Widerstandskämpfers solle den Schülern nahegebracht werden. Bernard Laporte, Trainer der Rugby-Auswahl, hielt es für eine gute Idee, die Résistance als Motivationshilfe für das Spiel gegen Argentinien zu verwenden - im Wissen, dass ein Team des Fernsehsenders TF 1 für ein dokumentarisches Werk zur WM mitfilmte und einige Bilder schon am Tag danach zeigen würde.
Laporte gilt als Bewunderer von Sarkozy und soll nach der WM das Amt des nationalen Sportministers übernehmen. Soll. Kaum vorstellbar, dass er das auch wird, falls etwa sein Team auch am Sonntag gegen Namibia verliert und in der Vorrunde ausscheidet. Die Niederlage gegen Argentinien hat ihn ja vor allem in Bedrängnis gebracht, weniger der Môquet-Text als solcher. Kabinenansprachen rechtfertigen sich im Sport zunächst vom Ergebnis her. Die Klinsmänner siegten gegen Polen leidenschaftlich, aber ohne Fouls, und führten so den Nationalismus-Vorwurf ad absurdum. Laportes Männer dagegen wirkten wie gehemmt. Selbst die politisch sehr korrekte Zeitung Le Monde warf die Frage auf, ob dieser Brief nicht zu traurig sei, um Männer auf den Kampf einzustimmen. Ob man einen nationalen Helden mit Rugby in Zusammenhang bringen darf, kann man anzweifeln, wie es die Kommunistin und frühere Sportministerin Marie-George Buffet tut. Aber einen nationalen Helden mit einer Niederlage? Niemals.
Laportes Hang zur Selbstdarstellung rächt sich nun. In die Kritik ist er schon geraten, weil er auf seiner Internet-Seite Nationaltrikots zu überhöhten Preisen verkauft - für karitative Zwecke, wie er sagt, aber ohne Genehmigung des Verbandes. Das Filmprojekt erweist sich als weiterer Fehler. Vorbild war der Streifen Les Yeux dans les Bleus, er dokumentierte den Weg der französischen Fußballer zum WM-Titel 1998. Man sah unvergessliche Bilder, Zidane allein in der Kabine nach seinem Platzverweis gegen Saudi-Arabien, scheinbar aller Träume beraubt.
Auch Sönke Wortmanns Sommermärchen lehnte sich daran an, und ein Dokumentarfilm, je länger, desto besser und mit zeitlichem Abstand gezeigt, kann der Wahrheit auch nahe kommen. Aber ein Happen daraus, im aktuellen Zusammenhang gezeigt, kann verheerend wirken. "Wie die Idioten" hätten sie alle ausgesehen, schimpft nun Clément Poitrenaud, Profi aus Toulouse, dem Laporte die Aufgabe übertragen hatte, den Text vorzulesen. Kapitan Raphaël Ibanez sagte: "Wir verwenden in der Kabine Zeichen, die uns die Werte unseres Landes in Erinnerung rufen. Wer uns nicht kennt, kann diese Zeichen nach einer Niederlage natürlich sehr bitter interpretieren." Laporte hatte die Spieler sogar darauf hingewiesen, dass es nicht um Leben und Tod gehe, und dass ihnen der Brief nur Mut und Solidarität vermitteln solle. Aber diese Passage ließ TF 1 weg.
Rugby gilt als besonders archaisches Spiel
Die Spieler, ihrem Selbstverständnis nach ebenso hart wie ritterlich, fühlen sich grob missverstanden. Rugby gilt als besonders archaisches Spiel, und wer das nicht glaubt, sollte die All Blacks aus Neuseeland beim Haka sehen, einem Maori-Kriegstanz, der auf dem Spielfeld im Angesicht der Gegner aufgeführt wird. Der Tanz endet üblicherweise mit einer Geste, die man so deuten kann, dass die Neuseeländer dem Feind die Kehle durchschneiden. Aus Rücksicht auf empfindsame Seelen ließen die All Blacks die Geste vor ihrem ersten WM-Spiel weg. Die Franzosen wollen am Sonntag Môquet nicht mehr lesen, wie sie auch vor dem Spiel ihre weißen Sakkos nicht mehr tragen werden. "Wir haben ausgesehen wie Erstkommunikanten", klagte Kapitän Ibanez. Sie wollen aber aussehen wie Krieger.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
(SZ vom 15.9.2007)
Drogeriekette wird abgewickelt
...der Haka endet nicht "üblicher Weise" mit einer Geste, die man als Kehle durchschneiden bezeichnen kann. "Üblicherweise" wird der Ka Mate Haka dargeboten - und bei dem kommt so eine Geste nicht vor. Der Haka mit dem Kehle durchschneiden wurde erst bei den vorvergangenen Tri-Nations erstmals von den All Blacks aufgeführt und erntete so massive Kritik, dass er seither nur sehr selten eingesetzt wird und man "üblicherweise" wieder Ka Mate aufführt.
Übrigens sind a) die Neuseeländer nicht die einzigen, die einen derartigen Kriegstanz bei der Rugby WM aufführen, Fiji, Tonga und Samoa zeigen ähnliches und b) führen den nicht nur die Rugbyspieler auf, sondern (fast?) alle neuseeländischen männlichen Sportteams. Nur dass es bei z.B. den Tall Blacks (Basketball) oder den All Whites (Fussball - konnten nicht die "Nationalfarbe" schwarz nehmen, weil man das früher wegen dem Schiri nicht durfte) nicht annähernd so furchteinflössend wirkt, weil die nicht so trainiert sind, es im Spiel nicht so zur Sache geht und vorallem, weil Rugby (Union) nunmal die einzige dieser Sportarten ist, die Neuseeland klar dominiert und man sich nach dem Haka "üblicher Weise" auf eine dicke klatsche gefasst machen darf...