Rückzug der Polizei auf Schalke Forsch, aber nicht haltbar

Kann sich die Polizei einfach aus dem Stadion zurückziehen? Sie ist an Recht und Gesetz gebunden und hat in eigener Verantwortung Gefahren abzuwenden. Statt trotzig einen Rückzug der Polizei zu verkünden, sollte sich das Innenministerium mit einer Kostenbeteiligung an den Verein wenden.

Ein Kommentar von Wolfgang Janisch

Ob Angriff wirklich die beste Verteidigung ist, wird man im Fußball nicht durchgängig mit Ja beantworten können. Ralf Jäger (SPD), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, ist gleichwohl nach dieser Parole verfahren. Die Kritik am Polizeieinsatz in der Champions-League-Qualifikation der Schalker gegen Paok Saloniki am 21. August konterte er mit der Ankündigung, fortan werde sich die Polizei aus der Schalker Arena zurückziehen: "Für die Sicherheit im Stadion ist der Verein zuständig." Das klingt forsch. Haltbar ist es nicht.

Die Polizei ist kein privater Sicherheitsdienst, der nur auf Anforderung einspringt. Sie ist an Recht und Gesetz gebunden, hat also in eigener Verantwortung dort für Gefahrenabwehr und Strafverfolgung zu sorgen, wo Gefahren bestehen und Straftaten begangen werden. Zum Beispiel im Stadion, wo Ultras aufeinandertreffen, bei denen Gewaltbereitschaft zum Vereinszweck gehört. Käme es auf Schalke irgendwann zur Katastrophe, weil die Polizei draußen auf der Wiese wartet, während drinnen die Gewalttäter die Regie übernehmen - Jäger würde das keine drei Tage im Amt überstehen.

"Ganz rausziehen kann sich die Polizei da nicht", resümiert daher Dieter Kugelmann, der sich als Professor der Deutschen Polizeihochschule in Münster mit den Rechtsfragen beim polizeilichen Stadioneinsatz befasst. Ob die Hundertschaften in den Katakomben des Stadions ausharren oder draußen auf dem Gelände, ist eine Frage von Polizeitaktik und Effektivität. Wenn bei sogenannten Risikospielen - etwa Schalke gegen Dortmund - viele hundert, vielleicht tausend Beamte im Einsatz sind, muss gewährleistet sein, dass sie den Fanblock rasch erreichen und nicht erst zäh durchs Tor geschleust werden müssen.

Trotzdem gibt es Dinge, die diskussionswürdig sind - darunter die Kooperation mit den Vereinen. Der Polizeieinsatz im Stadion gehört zu den kompliziertesten Aufgaben überhaupt. Einerseits müssen die Beamten einschreiten, wenn Gefahr droht, andererseits sollten sich die behelmten und mit Stöcken bewehrten Einsatzzüge diskret im Hintergrund halten, um die reizbaren Fans nicht unnötig zu provozieren. Beim Saloniki-Spiel scheint der Polizeieinsatz mindestens unglücklich gelaufen zu sein.

Er stand aber eben auch am Ende unterbliebener oder fehlgeschlagener Deeskalationsversuche - für die in erster Linie das Sicherheitspersonal und namentlich der Fanbeauftragte des Vereins zuständig sind. In diesem Punkt hat Jäger schon recht: Grundlegend ist die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Polizei und Verein. Weil nur der Verein die Fangruppen wirklich erreichen und dadurch bereits vorher Risiken verringern kann.

Wenn der Innenminister schon die Arbeitsteilung zwischen Staat und Vereinen in Sachen Sicherheit diskutieren möchte, dann möge er sich dem Thema Kostenbeteiligung zuwenden. Dass Polizisten Woche für Woche Überstunden anhäufen, um hoch kommerzielle Veranstaltungen abzusichern, ist ja kein Naturgesetz. Auf legitime Kritik mit dem Abzug von Beamten zu reagieren, ist dagegen nur eine Trotzreaktion.