Roger Schmidt bei Bayer Leverkusen Konflikt mit der Realität

Vom Lieblings- zum Krisentrainer? Roger Schmidt nach der 1:4-Niederlage am Wochenende gegen den VfL Wolfsburg.

(Foto: dpa)

Gerade wurde Leverkusens Trainer Roger Schmidt noch wegen seines Spielstils bejubelt, jetzt wird er kritisiert. Die Fälle Schmidt und Pep Guardiola zeigen, auf welch schmalem Grat der moderne Fußball manchmal spielt.

Kommentar von Christof Kneer

Es dauerte nur neun Sekunden, bis das Land einen neuen Lieblingstrainer gefunden hatte. Neun Sekunden dauerte es vom Anpfiff der aktuellen Bundesliga-Saison bis zum ersten Tor der aktuellen Bundesliga-Saison, das der Leverkusener Bellarabi erzielte. Das Tor ist danach hin- und hergewendet worden, und alle Analysten kamen zu dem selben Schluss: Erfinder des neunsekündigen Meisterwerks war der Trainer Roger Schmidt, der diesen meisterhaften Überfallfußball ja schon in Salzburg und Paderborn aufführen ließ.

Es hat jetzt immerhin sieben Minuten gedauert, bis die Liga am vierten Spieltag einen neuen Krisentrainer gefunden hat. Sieben Minuten dauerte es bis zum Platzverweis des Leverkuseners Donati, der die 1:4-Niederlage in Wolfsburg auslöste. Erfinder dieser Pleite war laut Analysten der Trainer Roger Schmidt, der mit seinem amateurhaften Überfallfußball ja schon die Mannschaften in Salzburg und Paderborn überfordert hatte.

Die ganze Bandbreite seines Risikostils

Die Beispiele zeigen, dass der Fußball fürschterlisch schnelllebisch geworden ist, wie Roger Schmidts Vorgesetzter Rudi Völler sagen würde. Sie zeigen aber noch etwas: auf welch schmalem Grat der moderne Fußball manchmal spielt.

Es ist eine gute Nachricht, dass heute genauso lustvoll über Gegenpressing diskutiert wird wie früher über Grasfressen und Hinternaufreißen. Es hat den deutschen Fußball erfrischt, dass die Trainer heute präzisen Entwürfen folgen und nicht mehr nur den Ball in die Box hauen lassen. Ein Plan ist besser als kein Plan, das steht längst fest - aber ein aktueller Blick in die Liga zeigt auch, wie viel Gespür im Umgang mit Plänen gefragt ist.

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Wenn man es sehr grob zusammenfasst, wird der zeitgenössische Fußball von zwei unterschiedlichen Schulen geprägt: jener, die Fußball als Spiel gegen den Ball versteht; und jener, die das Spiel mit Ball pflegt; Roger Schmidt gilt als militanter Vertreter der ersten Schule, wie Ralf Rangnick, Markus Gisdol oder, mit Variationen, Jürgen Klopp - Pep Guardiola ist die Ikone der Gegenbewegung.

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Schmidt und Guardiola merken gerade, wie es sich anfühlt, wenn die reine Lehre in Konflikt mit der Realität gerät. Guardiola lässt zurzeit gegen seine Idee spielen, und Schmidt hat durch die überfallartige Installation seines Konzepts schon die ganze Bandbreite dieses Risikostils erlebt; er wurde bejubelt für hohes Verteidigen in Tateinheit mit jähem Spiel in die Spitze; er wird gescholten für den radikalen Aufwand, den seine Profis im ständigen Vollsprint betreiben; ein Aufwand, der Konzentration kostet und beim Torschuss den Atem nimmt.

Bis zu den frühen Nullerjahren sind die großen Trainer oft noch mit einem einzigen Spielstil über die Runden gekommen, die Spanier und der FC Barcelona auch später noch, weil sie perfekt waren und die Spieler den Stil seit Kindesbeinen intus hatten. Inzwischen aber haben die Trainer beim Kollegen Joachim Löw gesehen: Wer einen Plan hat und ihn bei Bedarf auch mal variiert, der kann sogar Weltmeister werden.