Roger Federer verliert bei French Open Die Gier geht

Roger Federer bei den French Open

(Foto: AFP)

"Er hat einfach alles besser gemacht als ich": Das Überraschendste an Roger Federers klarer Viertelfinalniederlage bei den French Open gegen Jo-Wilfried Tsonga ist, dass sie nicht mehr überrascht.

Von Milan Pavlovic, Paris

Vermutlich hat Roger Federers Niederlage gegen Jo-Wilfried Tsonga bei den French Open schon im vergangenen Spätherbst begonnen. Die beiden bestritten nach der regulären Saison ein paar Schaukämpfe in Südamerika. Auf der Reise gewann der Schweizer einen neuen Freund, aber er verlor einen Bewunderer. In den Augen des Franzosen wurde aus dem Mythos Federer ein Mensch. "Wenn ich ihm jetzt gegenüberstehe, sehe ich nicht mehr Gott oder den Typ mit 17 Grand-Slam-Titeln", sagt Tsonga, "ich sehe nur noch sein Spiel." Er sah (und antizipierte) es im Viertelfinale so gut, dass er klar gewann (7:5, 6:3, 6:3), und das "völlig verdient", wie Federer zugab. Tsongas großer Respekt vor den Rekordhalter ("Sein Spiel ist noch eindrucksvoller als das, was er repräsentiert") hinderte den Franzosen nicht, sich das entscheidende Break mit einem Passierball auf den Körper des Gegners zu besorgen.

Während Frankreich in Ekstase geriet, Nachrichtensendungen mit der Meldung vom Sieg begannen, seriöse Zeitungen mit Überschriften in Boulevardgröße aufmachten (L'Équipe: "Ein Traum ist geboren") und Millionen Zuschauer Tsongas Halbfinale gegen David Ferrer am Freitag entgegenfiebern, geriet Federers Niederlage in den Hintergrund. Das Überraschendste an ihr war, dass sie nicht mehr sonderlich überraschte.

Der Rekordmann, der jahrelang ein Abonnement zumindest für Grand-Slam-Halbfinals besaß, schrumpft inzwischen an mäßigen Tagen auf Normalmaß. Schon beim Fünfsatz-Erfolg im Achtelfinale gegen Gilles Simon war der Schweizer zwei Durchgänge lang so neben der Spur gewesen, dass offensichtlich wurde, wie hoch sein Durchschnitt lange gewesen war.

French Open in Paris Nach 0:6 noch ins Halbfinale

Sie wackelte, aber fiel nicht: Nach einem katastrophalen ersten Satz dreht Maria Scharapowa das Spiel gegen Jelena Jankovic und steht nun im Halbfinale der French Open. Dort trifft sie auf Victoria Asarenka, die gegen Maria Kirilenko gewann.

Gegen Tsonga offenbarte sich zudem, dass es immer mehr Spieler gibt, die Federer aushebeln können. "Es muss einem gelingen, dass er sich nicht wohl fühlt", erklärte Tsonga, "man muss ihn in einen Kampf verwickeln, denn das mag er nicht so gerne." Manche Beobachter monieren, dass Federer vor der Sandplatzsaison eine siebenwöchige Turnierpause eingelegt hatte, nach der er nur stockend in Tritt kam. Andererseits nahm er solche Pausen im Herbst schon häufiger - mit Erfolg.

Augenfällig ist bei Spielen wie gegen Tsonga oder Simon, dass Federer bald seinen 32. Geburtstag begeht. Ihm fehlen dann Nanosekunden, weshalb er schlechter als sonst zum Ball steht und ihm mehr Rahmentreffer unterlaufen. Bezeichnend gegen Tsonga: Federers vielleicht sicherster Schlag, der Smash, missriet in drei wichtigen Situationen. "Schmetterbälle zu verschlagen", sagte Federer enttäuscht, "geht Hand in Hand mit dem Misslingen anderer Sachen. Du wirst angespannt, und die Dinge gehen einfach nicht in deine Richtung."

Vor der Partie hatte Tsonga noch gesagt: "Roger spielt so schnell und übt so viel Druck aus, dass du Gefahr läufst, dass, wenn es für ihn läuft, alles in eineinhalb Stunden vorbei ist." So war es auch in dieser Partie - nur andersrum. Von Federer kam trotzdem so gut wie keine Regung. Ganz zu Beginn führte er 4:2 und schien die Fans des Franzosen aus dem Spiel genommen zu haben. In Wahrheit hatte Federer sich emotional selbst verabschiedet. Als er sich zu Beginn des letzten Durchgangs endlich antrieb, war es schon zu spät.

Das Spiel ähnelte vom Spielverlauf dem verlorenen Halbfinale gegen Novak Djokovic aus dem Vorjahr. Und doch war es anders. Damals attackierte (und überzog) Federer nach dem Motto: nach eigener Façon entweder glatt gewinnen oder verlieren. Er akzeptierte sein Schicksal. Diesmal jedoch war die Niederlage schmerzlicher, weil der Schweizer auf keinen Fall verlieren wollte. Er fand bloß keine Mittel zur Wende. "Jo-Willi hat besser retourniert, besser aufgeschlagen, er hat einfach alles besser gemacht als ich." Der Franzose war aber nicht bloß spielerisch besser, sondern taktisch. Federer gab zu: "Er hat mich mit seinem Spiel beeindruckt."

Ein Satz wie ein Eingeständnis von jemandem, der nicht gut genug vorbereitet war. Tsonga war in die Partie mit dem Gedanken gegangen: "Wenn ich dieses Match gewinne, kann ich sagen, dass sich meine monatelange Arbeit gelohnt hat." Diese Gier auf den Sieg ging Federer völlig ab. Ihm war wichtiger, nach dem Achtelfinale dem Publikum zu sagen, dass er soeben seinen 900. Sieg auf der Tour gefeiert hatte. Und hinten an seinen Schuhen in Paris prangte eine kleine Schweizer Flagge mit einer "09" drin, ein selbstverliebter Hinweis auf Federers einzigen Sieg in Paris vor vier Jahren.

Der unrunde Eindruck von Paris lässt Federers Ziele ("Ich würde gerne noch einmal die Nummer eins werden") utopisch wirken. Tsonga wundert sich ohnehin: "Ich verstehe nicht, warum Roger noch spielt. An seiner Stelle hätte ich nach dem Gewinn der vier Grand-Slam-Turniere aufgehört." Tsonga ist es egal, dass das schon 2009 gewesen wäre. "Er hatte danach doch nichts Wichtiges mehr zu beweisen und noch soviel im Leben zu entdecken. Für mich kommt das Zeitverschwendung gleich." Federer selbst hat mehrfach gesagt, dass es eines seiner Ziele sei, 2016 bei Olympia in Rio de Janeiro anzutreten. Er wäre dann 35 Jahre alt. Ob er sich das noch antut, wenn er anfängt, bei den Turnieren serienweise früh auszuscheiden? Der bald 32-Jährige will nicht darüber nachdenken. "Ach, das war einfach nicht mein Tag. Ich freue mich jetzt auf die kurze Rasensaison und muss das hier schnell vergessen. Normalerweise bin ich ziemlich gut darin."

Das Einzige, was derzeit für Federer spricht, ist, dass man ihn schon mehrmals abgeschrieben hat. Anfang 2011 zum Beispiel, als er ein Jahr ohne Grand-Slam-Endspielteilnahme erlebt hatte; oder zuletzt im Juni 2012, als seine Negativ-Serie auf neun Slam-Turniere ohne Sieg anwuchs. Vier Wochen später gewann er Wimbledon und wurde wieder die Nummer eins der Welt. Am Dienstag in Paris kam es einem freilich vor, als wäre das Teil einer fernen Ära gewesen.