Von Christof Kneer

Zur Einstimmung auf das Spiel gegen Polen benutzt die DFB-Delegation einige viel zu schwere Sätze.

Miroslav Klose hat gesagt, dass er die Menschen in Polen mag. Er hat gesagt, dass er deshalb gerne da rüber fährt. Er hat gesagt, dass er in dem Land ja geboren ist und dass er da noch Tante und Onkel wohnen hat. Er hat gesagt, dass er natürlich die deutsche Hymne singen wird, weil er die andere gar nicht kennt. Und dann hat er gesagt, "dass die mit dem Messer zwischen den Zähnen auf uns losgehen werden".

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Miroslav Klose ist ein Führungsspieler, das wird neuerdings gerne behauptet, und als solcher ist er zuletzt ja mit einigen interessanten Thesen auffällig geworden. So hat er einmal sein Missfallen über die jungen Spieler öffentlich gemacht, die immer die Bananenschalen im Bus rumliegen lassen, und er sagt auch gern, dass man auch mal ein bisschen Drecksau sein müsse. Miroslav Klose ist ein Weltklassespieler, aber möglicherweise kein Weltklasserhetoriker, und im Prinzip ist das auch "gar kein Problem", wie sein Bundestrainer wahrscheinlich sagen würde. Rhetorik ist oft Geschmacksache, und Klose ist Fußballprofi und kein Bundespräsident. Er hat sich zwecks Profilverschärfung eine markantere Sprache zugelegt, und bestimmt hat er gedacht, dass der Satz mit dem Messer vor dem zweiten WM-Vorrundenspiel gegen Polen sportlich entschlossen und angemessen kämpferisch klingt. Er klang dann aber so, wie er nicht klingen sollte. Er klang wie ein missglückter Beitrag zur etwas unscharfen DFB-Patriotismus-Debatte, welche die Trossmitglieder Oliver Bierhoff und Christoph Metzelder in den vergangenen Tagen unter die Leute gebracht hatten.

Die deutsche Nationalmannschaft ist ziemlich debattengestählt, sie hat zum Beispiel eine Wohnsitz- und eine Torwartdebatte hinter sich, aber diese Debatte braucht sie wirklich nicht. Unter anderem ist das ja ein Sportfest, das hierzulande zur Austragung kommt, und womöglich wundert sich das Sportfest gerade, dass es nicht von Politikern, sondern von den Sportlern selbst mit einiger Schwere aufgeladen wird.

Am Tag vor dem Spiel gegen Polen ist Jürgen Klinsmann vor die Presse getreten, und auch er hat einige Sätze gesagt, die martialischer klangen, als sie gemeint waren. "Wir wissen, dass die Polen mit dem Rücken zur Wand stehen", sagte er. Oder: "Wir müssen uns in die Köpfe des Gegners hineinversetzen: Für Polen ist es fünf vor zwölf." Er hat dann noch gesagt, dass im polnischen Umfeld "große Aggression herrscht", dass "da die Nerven angespannt sind" und dass er davon ausgehe, dass "es zur Sache gehen wird, dass es richtig zur Sache gehen wird". "Ein hartes Spiel" erwarte er, "eine ganz heiße Kiste" werde das, weshalb sein Team "von der ersten Sekunde an positiv aggressiv aufgeladen sein" müsse.

Dass Jürgen Klinsmann derart grimmige Metaphern wählt, ist einigermaßen ungewöhnlich, aber oft begreift man über die Rhetorik mehr von einer Mannschaft, als wenn man sie spielen sieht. Klinsmann heizt das Spiel vor allem deshalb an, weil er meint, dass seine Mannschaft das braucht, und er nimmt in Kauf, dass die Sätze so klingen, wie sie klingen. Im Prinzip wird daran nichts anderes sichtbar als das, was er von seiner Mannschaft hält. Er weiß, dass sich diese Elf auch im eigenen Land nicht einfach zum Titel kombinieren kann, er weiß, dass sein riskanter Plan von offensivem, abwehrverachtendem Spiel nur aufgehen kann, wenn die Mannschaft vor lauter Feuereifer besser spielt, als sie kann. Der Spieler Klinsmann hat sein bestes Spiel ja auch gemacht, als ihm fremde Mächte in Form eines Schiedsrichters böswillig seinen Kumpel Völler weggenommen haben, damals, im WM-Achtelfinale 1990 gegen Holland. Er hat sich damals auch herausgefordert gefühlt, so wie sich seine Spieler jetzt bitteschön auch herausgefordert fühlen sollen, um diesen zweiten Vorrundensieg zu landen, der fast gleichbedeutend wäre mit der Qualifikation fürs Achtelfinale. Jürgen Klinsmann will die Hitze-Welle reiten, und er will auch verhindern, dass die Spieler den Quervergleich hochrechnen (Deutschland - Costa Rica 4:2, Polen - Ecuador 0:2) und sich zu sicher fühlen. "Das Spiel wird wesentlich schwieriger als das Eröffnungsspiel", sagt er deshalb. Er weiß, dass die polnische Elf unberechenbar ist, gegen sie ist ein 4:2 genauso möglich wie ein 0:2.

Wieder einmal erweist sich, dass der Trainer Klinsmann seine Elf so führt, als wäre sie der Spieler Klinsmann. Er hat natürlich auch noch einmal "das tolle Dortmunder Publikum" gelobt, auch das gehört ja zum Plan. Fitness plus Heimvorteil plus Euphorie plus Eigendynamik (minus Abwehr) ist gleich Titelgewinn, so ungefähr lautet die Rechnung, und es kann ja nicht schaden, auch die Dortmunder Zuschauer vorab schon mal auf einen heißen Kampf einzustimmen. Ein bisschen Überzeugungsbedarf gibt es ja immer noch im Klinsmann-Lager, seit sie den Dortmunder Volkshelden Christian Wörns aus ihrem Team entfernt haben. Immerhin aber darf der Dortmunder Anhang durch den Abwehrchef Christoph Metzelder sowie die Nominierung der BVB-Profis Sebastian Kehl und David Odonkor als üppig abgefunden gelten, und so können sich die DFB-Kicker ihrem Lieblingsort wohl guten Gewissens anvertrauen. "Wir freuen uns seit Wochen auf dieses Stadion", sagt Torwart Jens Lehmann, und Bernd Schneider ergänzt, "dass Dortmund in meiner Highlightliste ganz oben steht".

Möglicherweise ist dies also der rechte Ort, um in aller Stille jene Gruselstatistik zu Grabe zu tragen, die sich zum Glück noch nicht sonderlich weit herumgesprochen hat. Zehn Jahre ist es jetzt schon her, dass Deutschland bei einem großen Turnier letztmals gegen eine europäische Mannschaft siegte. Er wolle also unbedingt gewinnen, hat Miroslav Klose dann noch gesagt, "da führt kein Weg dran vorbei", und er glaube schon, dass er sich danach "in Polen noch sehen lassen kann".

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