Rekordversuch im Marathon Alles, was falsch läuft im Sport

Der von Nike arrangierte Marathon-Rekordversuch verdeutlicht das Dilemma: Es wird ausgereizt, was gerade noch erlaubt ist - und darüber hinaus.

Kommentar von Barbara Klimke

Mensch gegen Uhr. Das ist das Duell, das die Sportartikelfirma Nike auf dem Formel-1-Rennkurs in Monza arrangierte. Der einsame Kampf eines vergänglichen Wesens gegen den gnadenlosen Faktor Zeit, von allem ablenkenden Beiwerk entblößt: Aus solchem Stoff lassen sich Mythen kreieren. Zumal das Unternehmen für sein Unterfangen den Marathon wählte, die archaischste und brutalste Distanz.

Mit Sport hatte die frühmorgendliche Inszenierung auf der Freilichtbühne in der Lombardei indes wenig zu tun, das zeigt ein Blick auf die lange Liste dessen, was man mit Sport verbindet und was hier fehlte: Zuschauer, Wettkämpfer, Konkurrenten, Steigungen, Abhänge, Unwägbarkeiten wie Hitze, Kälte, Pfützen oder Regen. Sogar die Zahl der Kurven, in denen Läufer minimal Zeit verlieren, war durch die Wahl des Kurses weitgehend reduziert. Wenn alle äußeren Einflüsse, alle Unberechenbarkeiten eliminiert sind, erübrigt es sich allerdings, von einem Wettkampf zu reden.

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In solchen Fällen handelt es sich um einen Laborversuch. Nichts anderes hatte der US-Konzern Nike geplant. Es gehe darum "die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit auszuweiten", sagte Matt Nurse, einer der Initiatoren, vor dem Lauf. Auszuweiten, wohlgemerkt. Nicht auszutesten. Und es war kein Zufall, dass er das Mensch-gegen-Zeit-Experiment, Codename "breaking2", mit einer Raumfahrtexpedition verglich.

Die Schallmauer hält, ganz knapp

Die Schallmauer von 2:00:00 Stunden hat Nikes Spitzenläufer, der Olympiasieger Eliud Kipchoge, am Samstag im Morgengrauen nicht durchbrochen. Er ist ihr bis auf 26 Sekunden nahe gerückt und war zwei Minuten und 34 Sekunden schneller als die Zeit, die der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) als Weltrekord verbucht. Das ist als höchst achtenswerte individuelle Leistung zu würdigen. Und dennoch verdeutlicht dieser eine Lauf in Monza alles, was falsch läuft im Sport.

Man muss die Optimierungsmaßnahmen, zu denen Nike griff, gar nicht im Einzelnen aufzählen: den Schuh mit neuer Technik, den das Unternehmen für den Weltmarkt entwickelt hat; die Spoiler an den Waden; die Tempomacher, die in Pfeilformation vor dem Athleten her rannten; das Elektroauto mit der riesigen Zeitanzeige, in dessen Windschatten sich der gesamte Feldversuch vollzog. All dies sind Mittel zur - künstlichen - Leistungssteigerung, und nebenbei ein Grund, weshalb die IAAF den Rekordlauf nicht anerkennt. Dieser Hang zu Höchstleistung, zum Ausreizen dessen, was gerade noch möglich und erlaubt ist, und oft darüber hinaus, ist das Dilemma des modernen Sports. Es hat die Leichtathletik wie viele andere Sportarten an den Rand ihrer Glaubwürdigkeit gebracht.

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Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass das Nike-Marathonrekord-Experiment ausgerechnet in jenen Tagen gestartet wurde, in denen der europäische Leichtathletik-Verband versucht, seine alten Rekordlisten über Bord zu werfen. Bestmarken, deren Zustandekommen nicht zweifelsfrei überprüft werden kann, zum Beispiel weil sie nicht den derzeit gültigen Doping-Kontroll-Kriterien unterlagen, sollen kein Richtwert mehr für künftige Athletengenerationen sein. Es ist der Versuch, zu einem humaneren Leistungsportgedanken zurückzufinden, der den Athleten im Vordergrund sieht. Nicht die Technik. Und nicht die Uhr.

In Monza war man davon weit entfernt. Der erschöpfte Eliud Kipchoge hatte mit seiner Fabelzeit von 2:00:25 Stunden kaum das Ziel erreicht, als ihm Paula Radcliffe, ausgerechnet eine Kollegin und ehemalige Marathonläuferin, mit dem Mikrofon entgegentrat. "Denkst du schon an die 25 Sekunden und wo du sie beim nächsten Mal einsparen kannst?", fragte sie atemlos. Mensch gegen Uhr. In dieser Gnadenlosigkeit wird es wohl weitergehen.

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