Reitsport Hongkong ist abgehakt

2008 wurde Christian Ahlmann von Olympia ausgeschlossen und hart bestraft. Zum Weltcup-Finale reist er jetzt wieder als Favorit, und auch für in Rio hat er mehrere gute Pferde im Stall.

Von Gabriele Pochhammer

Christian Ahlmann hat früh gelernt, nach vorne zu schauen. Das hat ihm sein Großvater, ein in Westfalen bekannter Pferdezüchter, schon vor 30 Jahren eingeschärft, als er dem Elfjährigen die ersten Reitstunden gab. An diesem Wochenende ist Ahlmanns Blick auf das Weltcupfinale in Göteborg gerichtet, dort hofft der 41-Jährige, zum zweiten Mal nach 2011 den Springreiter-Weltcup zu gewinnen. Er reiste als Favorit nach Schweden, als mit Abstand Punktbester aus den Qualifikationen. Drei Siege allein in Weltcupspringen, dazu zahlreiche andere Erfolge mit verschiedenen Pferden. Auch Springreiter nennen so was "einen Lauf". Den müsse man genießen, sagt Ahlmann, "es kommen auch wieder andere Zeiten".

Er weiß, wovon er spricht. Hinter ihm liegt nicht nur eine Karriere als Wunderkind, das mit zehn Jahren sein erstes schweres Springen ritt und mit 14 das Goldene Reitabzeichen ans Revers geheftet bekam. Hinter ihm liegen bemerkenswerte Erfolge, ein Europameistertitel 2003, eine Olympiabronzemedaille, der Sieg im Großen Preis von Aachen. Aber auch der Absturz von Hongkong, als Ahlmann bei den Olympischen Sommerspielen 2008 wegen eines Dopingfalles auf einen Schlag alles verloren zu haben schien. Bei seinem Pferd Cöster wurde - wie bei den Pferden von drei Konkurrenten aus anderen Nationen - die Substanz Capsaicin gefunden. Damit können Muskelschmerzen gelindert, aber es kann auch die Haut an den Beinen künstlich sensibilisiert werden, um das Pferd zu vorsichtigerem Springen anzuhalten. Der erste Fall gilt als "verbotene Medikation" - eine Abstufung, die es nur im Reitsport gibt. Der zweite Fall gilt als Doping.

Hat mit Olympia noch eine Rechnung offen: Christian Ahlmann, hier bei den Spielen 2012 in London, wo er auf Codex One einen schwarzen Tag erwischte und nur auf Rang 69 kam.

(Foto: Jochen Lübke/dpa)

Wo und vor allem aus welchem Grund Cöster und die anderen Pferde mit Capsaicin gesalbt wurden, ließ sich nicht mehr feststellen. Alle vier Reiter wurden disqualifiziert. Aber nur bei Ahlmann befand das Internationale Sportschiedsgericht Cas auf Betreiben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) auf Doping. Damit wurde Ahlmann deutlich strenger bestraft als die anderen drei Reiter: mit acht Monaten Sperre und zusätzlich zwei Jahren Ausschluss aus dem deutschen Nationalkader. Die FN stand damals unter dem Druck des Fernsehens, das vom Reiterverband ein drastisches Signal verlangte. Um sportliche Gerechtigkeit ging es dabei weniger als um allgemeine Glaubwürdigkeit. Das ist für einen Sportler schwer zu verkraften.

Christian Ahlmann fühlt sich bis heute als Bauernopfer. Damals stand seine Karriere auf der Kippe. "Es war die Halbzeit in meinem sportlichen Leben", sagt er. Seine Familie und seine Mäzenin Marion Jauss hielten zu ihm. "Sonst wäre ich nicht wieder aufgestanden, würde heute nicht mehr im Spitzensport mitreiten." Er sei nicht verbittert, sagt Christian Ahlmann, habe aber einiges gelernt: "Wenn man gewinnt, hat man viele Freunde. Aber man steht alleine da, wenn etwas in die Hose geht."

Finale in Göteborg

Fünf deutsche Springreiter starten von Freitag bis Montag beim Weltcup-Finale in Göteborg. Qualifiziert sind neben Neuling Niklas Krieg aus Villingen vier erfahrene Topreiter: Christian Ahlmann (Marl), Daniel Deußer (Mechelen), Marcus Ehning (Borken) und Marco Kutscher (Bad Essen). Die vorherigen Weltcup-Turniere dienten allein der Qualifikation, die erzielten Punkte werden in Göteborg nicht mit berücksichtigt. Das Finale besteht aus drei Teilen. Die ersten beiden Prüfungen am Freitag und Samstag sind ein Zeitspringen und ein Springen mit Stechen. Am Montag folgen zwei weitere Umläufe, ist dann noch keine Entscheidung gefallen, gibt es ein weiteres Stechen. Die Dressur-Wettbewerbe beginnen mit einem Grand Prix am Freitag. Die Entscheidung fällt in der Kür am Sonntag. Nach der Absage von Isabell Werth (Rheinberg) wegen eines verletzten Pferdes sind nur zwei Deutsche am Start: Fabienne Lütkemeier (Paderborn) und Jesscia von Bredow-Werndl (Tuntenhausen).

Ansonsten hält er sich an den Ratschlag des Großvaters. Längst ist Ahlmann in die erste Reihe zurückgeritten und als der zur Zeit international erfolgreichste deutsche Reiter eine feste Größe in der Olympia- planung. Sein Blick geht über das Weltcup- Finale hinaus bereits nach Rio. "Denn Olympia ist das Größte."

Nach Schweden reiste er mit dem 16-jährigen Taloubet Z, dem Weltcupsieger von Leipzig 2011, außerdem mit den Schimmeln Colorit und Cornado II. Sein zweiter Rio-Aspirant, Codex One, kommt erst wieder in der Freiluft-Saison zum Einsatz. Genügend Spitzenpferde zu haben, um den einen oder anderen auch mal in Urlaub zu schicken, ist eine der Stärken von Christian Ahlmann - Luxus auch für Topreiter.

Mit Codex One zog sich Ahlmann bei der Weltmeisterschaft 2014 den Unmut der deutschen Funktionäre zu, als er aus Caen vor dem Ende des Wettbewerbs abreiste, um in Calgary zu versuchen, den Millionenjackpot des Grand Slam zu knacken. Ahlmann lag in Caen im vorderen Mittelfeld, rechnete sich keine Chance mehr aus, das Finale der besten Vier zu erreichen. Vielleicht war das ein Fehler, der spätere Weltmeister Jeroen Dubbeldam rangierte zu dem Zeitpunkt noch hinter Ahlmann. Und in Calgary lief es auch nicht wie geplant.

Aber auch das ist abgehakt. Die nächsten Monate zählen, in Rio will Ahlmann sich und allen beweisen, dass er auch Olympia kann. Darauf ist der ganze Stall in Marl fokussiert. Auch das Familienleben. Vor vier Jahren kam Sohn Leon zu Welt, er wurde 14 Tage vor den Spielen in London geholt, damit es keine Terminüberschneidung gab. Er heißt nach seinem verstorbenen Großvater Leon Melchior, einem der größten Sportpferdezüchter der Welt. Die Leidenschaft soll in der Familie bleiben.