Regionalliga "Nazischweine"-Ruf - nur ein "stilistischer Fehler"?

Auslöser des Streits: Beim Spiel zwischen Babelsberg und Cottbus kam es im April zu Ausschreitungen.

(Foto: Jan Kuppert/dpa)
  • Der SV Babelsberg weigert sich nach wie vor, ein Bußgeld zu zahlen, weil ein Fan "Nazischweine raus" Richtung Cottbus-Fans gerufen habe.
  • Der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) streitet ab, dass die Geldstrafe überhaupt etwas mit dem Ruf zu tun habe.
  • Von Nazi-Pöbeleien der Cottbuser will der Verband zuvor nicht einmal Kenntnis gehabt haben.
Von Javier Cáceres

Rangsdorf bei Berlin liegt an einem heimeligen See, der zum Verweilen einlädt, gerade jetzt, wo er zugefroren ist. Vögel trägt er; Kühe eher nicht, obwohl das, aus der Sicht des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV), gerade gut wäre. Die sogenannte Kuh vom Eis zu holen, war zumindest die Absicht, als der NOFV am Donnerstag zu einem Pressegespräch einlud; am Ende aber war Rangsdorf der Ort, an dem sich die NOFV-Verantwortlichen um Kopf um Kragen redeten, in einer Sache, die längst international Wellen schlägt: das Urteil des NOFV gegen den SV Babelsberg 03.

Der Verband hat den Regionalligisten wegen Zwischenfällen beim 2:1 gegen Energie Cottbus aus dem April 2017 zu einer Buße von 7000 Euro verdammt, die der Klub bisher nicht gezahlt hat - und laut Präsident Archibald Horlitz auch nicht zahlen wird, obwohl dem Viertligisten nach Ablauf der dritten Frist (Mittwoch) eine Spielsperre droht. Babelsberg, ein Klub mit vielen links-alternativen Fans, will das Risiko eingehen. Der Klub will sich nicht einem Urteil beugen, in dem es unter der Zeile "Gründe" etwa heißt, dass "eine Person mit einem roten Punkerhaarschnitt" aus dem Babelsberger Block den Energie-Fans "Nazischweine raus" zugerufen hatte, nachdem diese mit antisemitischen Ausfällen und "Hitlergrüßen" aufgefallen waren.

"Skandalös, unverständlich und inakzeptabel"

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Seit Wochen argumentiert der NOFV, die Strafe habe nichts mit der Antwort auf die Nazi-Pöbeleien zu tun. Verurteilt worden sei Babelsberg nur, weil Pyrotechnik gezündet wurde. Das ist unbestritten, Babelsberg hat betont, diesbezügliche Strafen zu akzeptieren. Nur: In der mit einem Formfehler begründeten Ablehnung des Berufungsantrags Babelsbergs durch das Verbandsgericht steht wörtlich, dass der Strafe "zugrunde gelegt" worden sei, "dass etwa ab der 15. Spielminute aus dem Babelsberger Fanblock in Richtung des Cottbuser Fanblocks eine Person gerufen habe: Nazischweine raus". Was man hingegen nicht findet: Hinweise auf die vorangegangenen Schmähungen der Cottbuser - was noch eine Rolle spielen wird.

Dass der Ruf des Punks überhaupt im Urteil steht, sei nach Angaben des Vorsitzenden Richters Stephan Oberholz ein "stilistischer Fehler", der den Wundern der Informatik geschuldet sei. Es seien Passagen "reineditiert" worden, die, "warum auch immer, stehen geblieben" seien, bis er das Dokument unterschrieben habe. Er selbst will das auch erst lange nach Unterzeichnung des Urteils bemerkt haben - als sich Babelsberg echauffierte. Von den Nazi-Pöbeleien habe man dagegen keinerlei Kenntnis gehabt - was nicht nur deshalb verwunderlich ist, weil sie in allen möglichen Medien dokumentiert wurden, sondern Babelsberg in einer Stellungnahme ausdrücklich darauf hinwies. Allerdings, wie Richter Oberholz sagt, "erst auf Seite 9" eines gut zwölfseitigen Briefes. Zudem habe man nicht ausschließen können, dass es sich um eine "Schutzbehauptung" gehandelt habe - derlei gebe es immer wieder einmal.

Der umstrittene Beobachter ist nun Antirassismus-Beauftragter

Noch kurioser ist, dass es nun heißt, der Punk habe deshalb so konkret benannt werden können, weil der Sicherheitsbeobachter des NOFV Mario P. beim Spiel gegen Energie im Babelsberger Block stand - also neben dem Cottbuser Block. Warum er dort die Rufe Dutzender Energie-Fans nicht wahrnahm? Was unter anderem dazu führte, dass Energie in einem ersten Verfahren "nur" wegen Zündeleien und Platzsturm, nicht aber wegen diskriminierender Äußerungen verurteilt wurde (eine spätere Strafe wurde vom NOFV revidiert)? Eine gute Frage, die der NOFV intern thematisiert habe, mit interessanten Konsequenzen: Mario P. ist laut NOFV weiter als Sicherheitsbeobachter unterwegs. Zudem treffe es zu, dass ihm das Amt des "Antidiskriminierungs-Beauftragten" angedient wurde, das der NOFV als Reaktion auf die Affäre eingerichtet hat.

Und nun? Unter dem Eindruck des medialen Drucks und Solidarisierungen von Klubs wie Werder Bremen, Fortuna Düsseldorf oder dem FC St. Pauli, strebt der NOFV zwecks "Deeskalation" ein Gespräch mit Babelsberg an. Das Urteil ist aber laut NOFV-Geschäftsführer Holger Fuchs "rechtskräftig", es gebe daher keine Alternative zur Zahlung, die Drohung namens Spielsperre bleibe virulent. Das würde Babelsberg hart treffen, Stadioneinnahmen sind die Hauptfinanzquelle des verschuldeten Klubs. Kurios auch: Das Rangsdorfer Hotel, in das der NOFV lud, war neulich erst in den Schlagzeilen. Nachdem dort ein Landesparteitag der AfD stattfand, kündigte der örtliche Kreisverband der Grünen an, dort keine Veranstaltungen mehr abzuhalten. "Wir haben einen guten Firmendeal", hieß es beim NOFV.

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