RB Leipzig und die Uefa "Es bleiben zwei Kinder einer Familie"

Zwei der zahlreichen Spieler, die innerhalb der RB-Familie bereits von Salzburg nach Leipzig gewechselt sind: Marcel Sabitzer (links) und Naby Keita (Mitte).

(Foto: Christian Schroedter/imago)

Dürfen RB Leipzig und Red Bull Salzburg kommende Saison gemeinsam in der Champions League spielen? Oder verstößt das gegen Bestimmungen der Uefa? Ein Anwalt erklärt den Fall.

Interview von Sebastian Fischer

RB Leipzig, Tabellenzweiter der Bundesliga, wird sich sportlich für die Champions League qualifizieren, so viel steht fest. Doch ob RB wirklich teilnehmen darf, wird die Uefa erst noch entscheiden. Es geht um mögliche Verstöße gegen die sogenannte Financial-Fair-Play-Regel - und vor allem: gegen Artikel 5 der Uefa-Bestimmungen, die "Integrität des Wettbewerbs", wonach nicht zwei Klubs zeitgleich im Europapokal antreten dürfen, die in der Führung oder Verwaltung oder durch Besitzanteile miteinander verwoben sind. Denn auch Red Bull Salzburg, klarer Tabellenerster in Österreich, wird sich sportlich für die Qualifikationsrunde zur Champions League qualifizieren - ein Klub, der nicht nur wegen seines namensgebenden Sponsors eng mit RB Leipzig verwandt ist.

Bis vor zwei Jahren war Ralf Rangnick Sportdirektor beider Klubs und führte dasselbe Spielsystem ein, zahlreiche Spieler wurden zwischen den Vereinen transferiert, und bis vor Kurzem war Oliver Mintzlaff als "Head of Global Soccer" weltweit für alle Red-Bull-Fußballteams zuständig und hatte ein Büro in Salzburg; jetzt ist Mintzlaff nur noch Geschäftsführer in Leipzig. Während die Verantwortlichen Gelassenheit betonten, haben sie akribisch daran gearbeitet, die Bedingungen für eine Teilnahme zu erfüllen. Doch reicht das, um die Uefa zu überzeugen? Der Rechtsanwalt Thomas Dehesselles, Experte für Lizenzierungsfragen im Fußball, spricht über mögliche Sanktionen gegen RB.

SZ: Herr Dehesselles, spielt RB Leipzig in der kommenden Saison in der Champions League?

Thomas Dehesselles: Die Leipziger werden klug genug sein, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.

RB Leipzig hat in den vergangenen Jahren mehr für Transfers ausgegeben als eingenommen und laut Jahresabschluss 2015 Verbindlichkeiten gegenüber Red Bull von 52,38 Millionen Euro. Verstoßen sie gegen das Financial Fair Play?

Ja, durchaus. Nicht mehr auszugeben als man einnimmt, das ist der Grundsatz. Die Regel sagt: Maximal fünf Millionen Euro Differenz sind im Bewertungszeitraum von drei Jahren erlaubt. Die Obergrenze liegt bei 30 Millionen Euro, wenn ein Anteilseigner für das Geld eintritt. Das ist in Leipzig der Fall, da stehen große Darlehen des Anteilseigners Red Bull zu Buche. Wären sie jetzt zum wiederholten Mal im Europapokal dabei, würden sie sanktioniert: Transfersperren, Kaderbegrenzung. Beim ersten Mal passiert im Regelfall nichts. Sie könnten die Auflage kriegen, einen Businessplan für ein paar Jahre zu erstellen, mit dem sie vorgeben, das Defizit mittelfristig abzutragen. Aber den werden sie in Leipzig in der Schublade haben.

Gravierender wäre ein Verstoß wegen der Zusammenarbeit mit Salzburg.

Die Uefa will ausschließen, dass zwei Klubs, die unter Kontrolle einer Person oder eines Unternehmens stehen, im selben Wettbewerb aufeinandertreffen. Die Kontrolle hat beispielsweise, wer mindestens 30 Prozent vom Etat trägt oder Anteilseigner ist. Leipzig ist eine Red-Bull-Tochter (Red Bull gehören 99 Prozent der Profifußball-GmbH und 49 Prozent der Stimmanteile, d. Red.). Aber in Salzburg ist Red Bull kein Anteilseigner mehr, hat dort nur noch einen gewöhnlichen Sponsorenvertrag (Alleingesellschafter ist der Verein, d. Red.). Die 30-Prozent-Grenze wird in Leipzig überschritten, aber in Salzburg vermutlich nicht mehr. Man verbietet Adidas ja auch nicht, Anteilseigner beim FC Bayern zu sein und gleichzeitig Real Madrid auszustatten.

Bleibt das mögliche Problem personeller Verflechtungen zwischen beiden Klubs.

Die Kontrolle hat auch, wer durch eine oder mehrere Personen in beiden Klubs das Sagen hat. Irgendjemand hat den Leipzigern auch das inzwischen erklärt. Es geht konkret um die Person Oliver Mintzlaff. Aber wenn er in Salzburg keine Entscheidungsgewalt mehr hat, ist das Konstrukt personell formell entflochten.

Formell, sagen Sie. Aber Leipzig und Salzburg bleiben ja zwei Red-Bull-Klubs.

Salzburg ist ein Geschöpf von Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz, und RB Leipzig genauso. Das bleiben zwei Kinder einer Familie, auch wenn sie volljährig sind. Und das macht keinen Spaß, auch der Uefa nicht. Aber die Uefa muss sich an ihren Regeln messen lassen. Einen so großen Markt wie diese Fußballwettbewerbe darf man als Monopolist nicht nach Bauchgefühl gestalten.

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In der Vergangenheit haben zahlreiche Transfers die Kooperation beider Vereine veranschaulicht. Gerade hat der Nachwuchs von Red Bull Salzburg die Youth League gewonnen, die Champions League für Jugendmannschaften. Und Ernst Tanner, Chef der Salzburger Nachwuchs-Akademie, sagte dem Kicker, dass Leipzig "natürlich" die begehrten Talente anlocke. Deutet das nicht darauf hin, dass noch immer eng zusammengearbeitet wird?

Es ist eine ungeschickte Äußerung. Aber es dürfte nicht reichen, um eine Verflechtung zu unterstellen. Solange die Kooperation nicht formell manifestiert wird, solange sich die Klubs also nicht extrem ungeschickt verhalten und eine Vereinbarung treffen, ist die Uefa machtlos. Es ist ja nicht verboten, das Leipziger Spielsystem zu kopieren. Und Talente sind für jeden Klub interessant.