RB Leipzig in der Champions League Eine Frage der Reife

Kurz auf dem Boden: Leipzigs Timo Werner.

(Foto: AFP)
Von Sebastian Fischer

Es zählt zu den besonderen Fähigkeiten von Dominik Kaiser, sich seiner Umgebung anzupassen wie ein Chamäleon. Kaiser, 29, war vor viereinhalb Jahren noch Regionalliga-Fußballer, am Mittwoch spielte er Champions League. Für die letzte Viertelstunde der Begegnung zwischen RB Leipzig und Besiktas Istanbul wurde Kaiser eingewechselt, er fiel nicht negativ auf. Kaiser schoss einen Freistoß, führte einen Eckball aus. "Es war immer mein Traum, für RB Leipzig in der Champions League zu spielen", sagte er später.

Kaiser, das muss man wissen, ist älter als die meisten seiner Kollegen, er ist einer der Helden der unaufhaltsamen Leipziger Aufstiegsgeschichte, aber keine Stammkraft mehr. Leipzig hat in dieser Champions-League-Saison die jüngste Mannschaft aller 32 Teilnehmer aufgeboten, im Schnitt war die Startelf kaum älter als 24. Die jungen Leipziger verloren am Mittwochabend 1:2 gegen Istanbul. Und sie verpassten das Achtelfinale, weil ihnen für das Niveau der Champions League ausgerechnet Kaisers Kernkompetenzen fehlten: Erfahrung und Anpassungsfähigkeit.

Ein Spiel als Sinnbild für die Saison

Die Teilnahme an der Königsklasse, das war ja schon das Ziel gewesen, als der Getränkehersteller Red Bull den Verein 2009 gründete, um mit erfolgreichem Fußball für sein Produkt zu werben. Es schloss sich also gewissermaßen ein Kreis, als die erste Leipziger Saison in Europas wichtigstem Vereinswettbewerb zu Ende ging. Sie geht jetzt im zweitwichtigsten weiter, in der Europa League. Doch weil Marke und Klub von großen Ambitionen getrieben werden, sahen die Verantwortlichen, als die Fernsehkameras ihre Emotionen während des Spiels einfingen, nicht unbedingt zufrieden aus.

Leipzigs Weiterkommen war zwar unwahrscheinlich gewesen und spätestens dann praktisch unmöglich, als beinahe zeitgleich nach zehn Minuten Istanbul in Führung ging und der FC Porto gegen AS Monaco das 1:0 schoss. Um den fürs Achtelfinale berechtigenden zweiten Gruppenplatz zu erreichen, hätte RB Istanbul schlagen müssen - und Porto gegen den Gruppenletzten Monaco nicht gewinnen dürfen. Doch es war die Art und Weise der Niederlage gegen Besiktas, die Sportdirektor Ralf Rangnick auf der Tribüne und Trainer Ralph Hasenhüttl auf der Bank nochmals vor Augen führte, warum es noch nicht gereicht hat. Das Spiel sei "sinnbildlich" gewesen, sagte Hasenhüttl.

Leipzig, ohne die angeschlagenen Schlüsselspieler Emil Forsberg, Marcel Sabitzer und Dayot Upameco, spielte in Phasen mitreißenden Fußball, kombinierte schwindelerregend, fand oft den schnellen, direkten Weg zum Tor, wie es ihr Stil vorsieht. Doch im gegnerischen Strafraum standen sich die vor Begabung und Eifer strotzenden Bruma, Jean-Kevin Augustin und Timo Werner oft selbst im Weg. Immer wieder liefen die Stürmer ins Abseits.

Und auch in der Abwehr gab es reihenweise Indizien für Leipzigs fehlende Reife. Vor dem Elfmeter zum 0:1 grätschte Kapitän Willi Orban Istanbuls Angreifer Lens im Stile einer Abrissbirne um. Naby Keita glich durch eine Einzelaktion in der 87. Minute zwar zunächst aus, doch drei Minuten später schoss Talisca für Istanbul das 2:1. "Wir haben Lehrgeld zahlen müssen", sagte Hasenhüttl, er sprach jetzt über alle sechs Spiele, in denen zwei Siege gelangen, gegen Porto und in Monaco. Mindestens einer mehr, beim 1:1 zu Hause gegen Monaco, wäre möglich gewesen, auch ein Unentschieden in Porto, wo Leipzig 1:3 verlor.