Rassismus im Fußball Toleranz, gekleidet in angebliche Hilflosigkeit

Trikotausziehern und Pyrotechnik begegnet der Fußball mit harten Strafen, Rassismus hingegen nicht. Dabei sind derartige Anfeindungen fester Bestandteil im Stadion. Es liegt an der Fifa, endlich einen harten Strafenkatalog zu erstellen.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Dass Fußballfunktionäre überfordert sind mit der Wächterrolle über einen Sport, der die Welt bewegt, ist nicht neu. Bemerkenswert aber, dass die Überforderung immer häufiger zutage tritt. Seit einer Woche zeigt sich die Branche hierzulande außerstande, mit einem glasklaren Nicht-Treffer umzugehen; furchtsam harrt der Deutsche Fußball-Bund dem Wunsche, den der Weltverband Fifa in Sachen Phantomtor vorzutragen beliebt. Nun liegt ein weiteres chronisches Problemthema auf dem Tisch: Rassismus im Stadion, diesmal beklagt von Manchester Citys Yaya Touré.

Tja. Könnte es sein, dass prallvolle Stadien, die manchen Menschen als Lebensmittelpunkt gelten, eine Ventilwirkung haben? Dass sie ideale Abspielfläche sind für jede Art von Diskriminierung, speziell in Ländern wie dem künftigen Olympia- und Fußball-WM-Gastgeber Russland, das stolz ist auf sein Gesetz gegen homosexuelle Umtriebe?

In der Praxis sind Rassismus, Homophobie und andere Geschwüre fester Bestandteil dieser Körperleistungs-Industrie namens Sport. Im Widerspruch dazu steht die Propaganda der Fifa und ihres Europa-Ablegers Uefa. Es ist zwei Jahre her, dass Fifa-Chef Sepp Blatter die Einschätzung vertrat, es gebe keinen Rassismus im Fußball; falls doch, empfahl er Betroffenen einen Händedruck: Gut ist.

Wofür hat die Fifa ihr Ethikkomitee?

Die Verharmlosung der Missstände trug ihm Rücktrittsforderungen von Gewerkschaften und Nationalspielern ein; Blatter ignorierte sie. Seitdem schritt die allgemeine Entgleisung voran. Vor der EM 2012 rief Englands Nationalspieler Sol Campbell die Fans auf, wegen der Rassismus-Gefahr nicht in die Ukraine zu fahren. Kevin-Prince Boateng, heute bei Schalke, verließ in Mailand erst den Rasen, dann den Verein, weil er die rassistischen Anfeindungen in Italien nicht ertrug. Blatter lud ihn nach Zürich: Es gab einen Fototermin, verändert hat sich nichts. Eine faktische Toleranz wird in angebliche Hilflosigkeit gekleidet.

Doch die Fifa ist die oberste Rechtsinstanz. Sie, die Profis, Klubs und Verbände für jeden Unfug (wie Trikotausziehen) mit Sanktionen belegt sehen will, hat es in der Hand, einen harten Strafenkatalog zu erstellen. Für Auswüchse, die ja die erklärten Kern-Werte ihres Spiels untergraben: Fairplay, Toleranz, Menschenwürde, Erziehung. Wofür hat die Fifa ihr famoses neues Ethikkomitee?

Ausschlüsse, Suspendierungen, Geisterspiele sind effektive Antworten auf Rassismus. Die Klubs kennen ihre Klientel; bei der Pyrotechnik funktioniert die Auslese immer besser. Überdies braucht es einen Ethikcode für Bewerber um Großturniere. Das ist das Gute im Sport: Hier lassen sich wirklich Zeichen setzen.

Am Mittwoch war übrigens, kein Witz, Aktionstag der Uefa gegen Rassismus. Moskauer Fans haben ihn jetzt als symbolischen Aktionismus entlarvt. No Racism? So simple Sprüche auf Ärmeln und Banden dienen der Gewissensentlastung für Funktionäre - die in der Pflicht stehen, die Dinge zu ändern. Das geht nur tatkräftig. Auf drastische Art.