Randale bei Dortmund gegen Schalke Kriminelle in ihrem Revier

200 Festnahmen und acht verletzte Beamte: In Dortmund missbrauchen gewaltbereite Ultras wieder mal ein Fußballspiel, um ihre kruden Vorstellungen auszuleben. Der Fall zeigt, dass in den Kurven eine gefährliche Minderheit herangewachsen ist, die eine eigentlich friedliche Jugendkultur in Verruf bringt.

Von Christoph Ruf

Das Fußballspiel Borussia Dortmund gegen Schalke 04 war am Samstag um 17.20 Uhr nur für die Spieler vorbei, nicht für die Polizei. 1000 Beamte hatten einen ganzen Arbeitstag lang viel zu tun, weil sich rund ums Stadion rivalisierende Besucher immer wieder mit allem traktierten, was nicht niet- und nagelfest war. 200 Besucher wurden in Gewahrsam genommen, acht Beamte wurden verletzt.

Nicht auszuschließen, dass es auch künftig ähnliche Bilanzen geben wird. Die Saison ist jung, 26 Spieltage sind noch zu spielen. Und es ist eine Generation von Fußballtouristen herangewachsen, die ihre Gewaltfaszination systematisch auslebt. Sie zählen sich zu den sogenannten Ultras. Geradezu generalstabsmäßig planen manche von ihnen ihre Gewalttaten. So wie die aus Dortmund und Gelsenkirchen, die mit großer Ortskenntnis immer wieder dort aufeinanderprallten, wo gerade keiner der Polizeibeamten war.

So wie die Nürnberger Ultras, die Mitte Oktober nachts um halb zwei friedliche Fürther Fans in deren Vereinsheim überfielen. Und so wie die Ultras, die mancherorts politisch missliebige Gruppen einzuschüchtern versuchen, indem sie nachts die Wohnungen von deren Mitgliedern aufbrechen und dies "Hausbesuche" nennen. Die Grenze zur Bandenkriminalität ist hier längst überschritten.

Längst ist durch die wachsende Herde der schwarzen Schafe eine Szene in Verruf geraten, die in ihren Ursprüngen mit Gewalt nichts am Hut hatte. Mitte der Neunziger gründeten sich in Deutschland die ersten Ultra-Gruppen nach italienischem Vorbild. Das Gewese in den Kurven zwischen Udine und Neapel fanden sie attraktiver als die Bier- und Jeansjacken-Kultur in den Kurven hierzulande. Plötzlich sah man große Schwenkfahnen, aufwendig zusammengezimmerte Choreografien.

Ultras hatten ein Anliegen: Sie warfen Verbänden und Klubs immer wieder vor, dass sie den Volkssport Fußball dem Mammon opferten. Laut und widerständig wollten sie sein. Gewalttätig aber eben nicht. Die Ultras sind für Jugendliche attraktiv, sie wollen einen "Way of Life" verkörpern, eine Bewegung, die von Montag bis Sonntag aktiv ist. Viele Soziologen halten die Ultras längst für die größte jugendliche Subkultur der Republik.

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Umso gefährlicher, dass sich die Haltung zur Gewalt in vielen Kurven geändert hat. "Sich von Gewalt zu distanzieren, ist Heuchelei", hat ein Kölner Ultra-Anführer jüngst dem Spiegel gesagt. Solch eine Gesinnung macht wiederum niemandem mehr Sorgen als den reflektierteren unter ihnen. "Ultras zurück in die Kurve", heißt deren Motto.

Mangel an Besinnung ist aber nichts, das nur Ultras zu eigen ist. Schon vor dem Krieg soll es Frauen gegeben haben, die ihre Hochzeitspläne revidierten, nachdem sie den Gefährten im Stadion erlebt hatten. Und auch am Samstag sah man wütende Dortmunder Väter, die vor den Augen ihrer Kinder auf Schalker Anhänger eintraten, weil sie deren Spottgesänge nicht ertragen konnten. Und man sah Rentner mit blau-weißem Schal, die von der Polizei gehindert werden mussten, Gleichaltrige in Gelb-Schwarz zu verprügeln. Zum Glück sah man aber auch 75.000 Zuschauer, die die anderen 5000 nicht gebraucht hätten, um ein Derby aufregend zu finden.