Von Peter Burghardt

Die einstige Rallye Paris-Dakar ist in Buenos Aires gestartet - und rast nun durch Argentinien und Chile. Da ist viel Platz für Vollgas. Doch nicht alle empfangen den PS-starken Tross begeistert.

Die Pampa hat es über Argentinien hinaus zu sprichwörtlichem Ruhm gebracht, sie steht für Ödnis, Weite und Einsamkeit. Tatsächlich mündet Buenos Aires in gewaltige Weiden und Steppen - die flache Landschaft erstreckt sich bis hinunter nach Patagonien, auf der einen Seite an den Atlantik und auf der anderen Richtung Anden.

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Globale Verrenkungen: Die Rallye Paris-Dakar, hier eine Aufnahme aus Mauretanien, findet jetzt in Südamerika statt (© Foto: dpa)

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Auf den Feldern grasen einige Millionen Kühe und allerhand Pferde, dazwischen hoppelt gelegentlich der Pampahase, ansonsten breiten sich neben Kornäckern immer mehr giftgrüne Sojaplantagen aus. Menschen sind vergleichsweise rar, auch dichter Verkehr ist jenseits der wenigen größeren Städte eher selten im ehemaligen Kerngebiet der Gauchos. Doch von diesem Wochenende an zerreißt eine wahnwitzige Meute aus Hunderten abstruser Fahrzeuge mit dicken Reifen die Stille, und losgelassen wird sie an der Zentralstelle der argentinischen Landwirtschaft.

Am Gelände von Messe und Bauernverband La Rural von Buenos Aires beginnt eine Veranstaltung, die sich ihren berüchtigten Ruf ungefähr 10.000 Kilometer nordöstlich errast hatte. Rallye Paris-Dakar nannte sich dieser Wettbewerb bis zuletzt, nun heißt er im Rahmen geographischer Verrenkung Dakar Argentinien-Chile.

Das größte Ereignis seit der WM 1978

Es begann am Freitag mit Showrunden der 183 Autos, 84 Lastwagen, 226 Motorräder und 28 Quads, lauten Spielzeugen auf vier Rädern. Das Zentrum der Metropole wurde dafür ausführlich gesperrt, viele Einwohner sind glücklicherweise in die Sommerferien ans Meer geflüchtet.

Am Rio de la Plata ist es das größte Ereignis seit der Fußball-WM 1978. Die Avenida 9 de Julio erlebte als ausschweifendste Straße der Welt auf ihren 140 Metern Breite mit dem Obelisken in der Mitte einen weiteren Höhepunkt, nachdem zuletzt ein Formel-1-Pilot dort Probe gefahren war und die Berliner Symphoniker ein Hupkonzert ergänzt hatten. An diesem Samstag vor Morgengrauen geht es dann los Richtung Santa Rosa, Hauptstadt der Region La Pampa, die nächtliche Abreise passt zu Flucht und Wiedergeburt.

Der Start vor einem Jahr in Lissabon wurde abgesagt, man fürchtete den Terror. In Mauretanien, durch welches die Blechkarawane hindurchgedonnert wäre, waren zuvor vier französischen Touristen und drei mauretanische Soldaten ermordet worden, als Täter galten Zellen des Horrornetzwerkes al-Qaida. Drei Jahrzehnte nach ihrer Erfindung war die umstrittene Wüstenfahrt tot. Bis die Veranstalter auf die Idee kamen, das Spektakel aus Afrika nach Südamerika zu evakuieren.

Umfangreiche Wachmannschaften

Die Wahl fiel auf ein wenig Chile und viel Argentinien, das eine Menge Platz hat und seit den Zeiten des Weltmeisters Juan Manuel Fangio Vollgas mag. Eine Benzinsorte ist nach Fangio benannt, die Unfallrate gehört zu den höchsten. So wurden mehr als 800 Fahrzeuge von Teams und Begleitern in Le Havre auf den Frachter Grande Benelux gepackt und drei Wochen später im Hafen von Zárate ausgeladen, nun sind sie zwischen 3. und 18. Januar 9574 Kilometer weit unterwegs. "Das ist die Dakar, sie lebt", verkündete Rennleiter Etienne Lavagne aus Frankreich, Dakar lebt fürs Erste jenseits von Atlantik und Äquator weiter.

Zumindest die Gefahr von Anschlägen gilt als gering, der Kontinent ist in dieser Gegend auch sonst recht friedlich. Ortsübliche Störungen sollen umfangreiche Wachmannschaften verhindern.

So würden Agrarvereinigungen gerne mit Traktoren und anderen Gefährten auf ihren Ärger über die Steuerpolitik der Regierung hinweisen, vor einigen Monaten blockierten die Protestierer wochenlang. Außerdem warnen Ökologen und Forscher vor der staubigen Jagd, auch Transportflugzeuge und Hubschrauber werden die Flora erschüttern und die Fauna erschrecken.

"Wir lassen uns Glasperlen andrehen"

Die Dakar sei eine Attacke auf die Natur und teilweise noch unbekannte Fundstellen, schimpft der argentinische Archäologen-Verband. "Wir lassen uns immer noch Glasperlen andrehen", wettert deren Präsidentin Norma Ratto. In Wirklichkeit werde das "eine Lawine von Metall, Rauch und Motorenlärm".

Unter anderem gefährde die Route Reste der vor 2000 Jahren versunkenen Ortschaft Palo Blanco in der nördlichen Provinz Catamarca. Zwischen Puerto Madryn und Neuquén wiederum liegt mutmaßliches Dinosaurier-Erbe auf dem Weg, in Patagonien ist von geheiligten Stätten der oft vergessenen Ureinwohner vom Stamm der Mapuche die Rede.

Doch die Betreiber erschlagen mit einem üppigen Werbeetat, verweisen auf Reklamewert für den Fremdenverkehr und vermeintliche Umweltbestimmungen. Nur ein Fünftel der Distanz führe durchs Gelände, der Rest über bestehende Straßen, behaupten sie. Die genauen Streckenabschnitte indes werden sicherheitshalber erst im letzten Moment bekanntgegeben. "Die Dakar ist und bleibt, was sie war", schwärmt Anführer Lavagne, "eine hundertprozentige Anforderung an Mensch und Material."

"Es wird uns schlecht gehen"

Ungemütlich wird es in jedem Fall. Es ist Hochsommer im Süden, ein Schnörkel streift Chiles Atacama-Wüste, die trockener ist als die Sahara. Die 14 Etappen führen durch heiße Ebenen und hinauf bis auf 4700Meter in den Anden, weshalb zum Beispiel der argentinische Pilot Orlando Terranova auf dem Laufband einer Berliner Druckkammer trainierte.

"Hier wird's uns vom ersten Tag an schlecht gehen", fürchtet der Spanier Carlos Sainz. Ob Dakar 2010 wieder nach Afrika heimkehrt, was niemand so genau weiß, ist dem Profi Sainz egal. Von ihm aus könne man die Dakar auch in Conchinchina fahren. Oder eben durch die Pampa.

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(SZ vom 03.01.2009/mikö)