Am Ende eines skandalösen Frühjahres im Radsport gesteht Weltmeister David Millar der Polizei Epo-Doping. Lange warteten die Ermittler mit einem Verhör - und schlugen eine Woche vor Beginn der Tour de France zu.
Er glaube fest, dass die große Mehrheit seiner Kollegen sauber sei, das hat Jan Ullrich erst diese Woche gesagt und ergänzt, daran wolle er auch glauben. So etwas äußert der deutsche Tourstar regelmäßig, wenn die Rede auf die Schattenseite seines schönen Sports kommt. Er klingt dann ein wenig naiv.
Ihm droht eine lange Sperre: David Millar (© Foto: AP)
Anzeige
Denn Jan Ullrich ist 1998 in Frankreich als Augenzeuge dabei gewesen, als der Dopingskandal um das Team Festina zahlreiche Passagiere des Tourtrosses als Lügner und Betrüger entlarvte. "Seit ich Sportler bin, glaube ich an eine Doping-freie Tour", sagt der Rostocker Radprofi trotzdem noch sechs Jahre später, "umso enttäuschter bin ich jedes Mal, wenn wieder Kollegen erwischt werden."
Gestern ist wieder so ein Tag gewesen. Diesmal hat es offenbar jemanden erwischt, der sich mehrfach mit Ullrich duellierte in bedeutenden Zeitfahren, ein bekanntes Gesicht der Szene: den Schotten David Millar, aktueller Zeitfahrweltmeister und Sieger des abschließenden Einzelzeitfahrens bei der Tour de France 2003.
Festnahme im Restaurant
Nach einem Bericht der gewöhnlich gut unterrichteten Sportzeitung L'Equipe hat der 27-jährige Profi des Rennstalls Cofidis in Polizeiverhören die Einnahme des Epo-Blutdopingmittels Eprex zugegeben. Damit erreicht nicht nur die Dopingaffäre um die französische Mannschaft ihren Höhepunkt - eine Woche vor dem Start der 91. Tour muss der Radsport endgültig eingestehen, ein ziemlich skandalreiches Frühjahr hinter sich zu haben. Von sauber keine Spur.
David Millar, ein jovialer Frauenschwarm mit Wohnsitz im mondänen Badeort Biarritz an der französischen Atlantikküste, war bereits am Dienstagabend beim Diner im Restaurant von Beamten festgenommen worden. Sie haben ihn erst Donnerstagabend wieder gehen lassen. Zunächst hieß es, Millar werde nur als Zeuge im Rahmen der Cofidis-Affäre verhört. Das Team ist seit Januar im Fokus der Fahnder, nachdem der inzwischen gefeuerte Fahrer Philippe Gaumont Epo-Doping zugegeben hatte - und schließlich den Teamarzt sowie ehemalige Kollegen beschuldigte.
Acht Personen wurden bislang angeklagt. Auch Millars Name fiel im April, als Cofidis sich selbst eine Rennpause auferlegte. Millar habe "als Teamleader die Macht" gehabt und Injektionen befürwortet, hatte Gaumont behauptet. Millar reagierte empört und sprach von einem "Guerilla-Krieg gegen Cofidis" - "Es ist beängstigend, dass ein paar Idioten den Job von allen gefährden können."
Millar überrascht
Er hatte wohl Angst vor sich selbst. Die französischen Ermittler haben sich auffallend Zeit gelassen, bis sie nun auch den Teamleader verhörten. Auch Millars Schwester, die ihn managt, sagte verwundert, sie hätten gewusst, "dass dies passiert - wir haben aber nicht gedacht, dass sie vier Monate warten und eine Woche vor der Tour kommen". Ihr Bruder habe nichts Falsches gemacht, man werde sich nach Rücksprache mit Anwälten äußern. L'Equipe berichtet indes, bei Millar zuhause hätten sich zwei leere Epo-Ampullen gefunden.
Und vielleicht ist das sogar Absicht der Ermittler gewesen, so kurz vor dem Start des Spektakels am 3. Juli in Lüttich noch einmal ein Zeichen zu setzen, wie ernst Frankreichs Justiz den Kampf gegen Doping nimmt. Denn die Velobranche lernt ja offenbar nicht dazu. Ob die Sociéte du Tour de France das genauso sieht, mochte sie am Freitag noch nicht sagen; sie hat Cofidis eingeladen. Zwar äußerte Cofidis-Chef Francis Van Londersele, dies sei "keine Millar-Affäre, sondern die Fortsetzung der Gaumont-Geschichte".
Doch das hört sich seltsam an, wenn neben dem früheren Arzt und einem früheren (Tour-)-Pfleger des Teams auch die mehrfachen Tour-Starter Gaumont und Millar organisiert gedopt haben. Frankreichs Sportminister Jean-Francois Lamour erneuerte deshalb im Staatsradio seine Forderung, von Behörden verdächtigte Profis dürften nicht zur Tour.
Teamausschluss scheint möglich
Hein Verbruggen, Präsident des Weltverbandes UCI, sagte dazu auf SZ-Anfrage abweisend: "Keine Meinung." Einen kollektiven Tour-Ausschluss erfuhr zuletzt das spanische Kelme-Team, dessen einstiger Profi Jesus Manzano im Februar massive Vorwürfe des systematischen Dopings zu Protokoll gab.
Und die Affären nahmen kein Ende: Tour-Champion Lance Armstrong wird neuerdings in einem Buch von einer früheren Pflegerin recht detailliert des Dopings beschuldigt - die Vorwürfe bleiben nach gerichtlicher Ablehnung einer Gegendarstellung bestehen. In Belgien hat sich Nationaltrainer José De Cauwer wegen Dopingvergehen zu verantworten, er soll mit Amphetaminen gehandelt haben.
In Australien wiederum fürchtet der Bahnradsport um seinen Ruf, aus dem Toursprinter wie McGee, Cooke oder McEwen hervorgegangen sind: Junioren-Weltmeister Mark French, 19, wurde vom australischen NOK auf Lebenszeit für Olympia gesperrt, weil er an einem Doping-Schwarzhandel beteiligt gewesen sei.
Und der Baske Joseba Beloki, dreimal auf dem Tour-Podium und im Vorjahr schwer gestürzt auf der legendären Etappe nach Gap - er bereicherte die dicke Akte der Seltsamkeiten mit einer Begründung für Formrückstand: Man hindere ihn in Frankreich wegen der strengen Bestimmungen daran, seine Medikamente gegen Allergie zu nehmen. Belokis Vertrag mit La Boulangère wurde inzwischen aufgelöst, beide Seiten wollten das so. David Millar dagegen drohen Sperre und eine einseitige Kündigung.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
(Süddeutsche Zeitung vom 26.6.2004)
Ex-Salafist packt aus