Von Jens Weinreich

Konsens im Sportausschuss des Bundestages: Dem Radfahrer-Bund droht die Sperrung und Streichung von Fördermitteln.

Zwei Meldungen aus dem Panoptikum der Sportpolitik: In Berlin debattiert am Mittwochabend der Sportausschuss des Deutschen Bundestages über die Frage, ob wegen anhaltender Versäumnisse in der Dopingbekämpfung ein sofortiger Fördermittelstopp gegen den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) zu verfügen sei. In Berlin erhält am Mittwoch, nur wenige Kilometer vom Bundestag entfernt, BDR-Sportdirektor Burckhard Bremer, von Innensenator Erhart Körting das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Ausgerechnet Bremer, der für viele Skandale im BDR verantwortlich zeichnet und dessen Name immer wieder fällt, wenn es um die Deckung von Doping-Machenschaften geht.

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Der Präsident und der geständige Sünder: Rudolf Scharping mit Erik Zabel. (© Foto: Getty)

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Die Diskrepanz zwischen Fördermittelstopp und Verdienstorden illustriert das Dilemma der deutschen Sportpolitik. Auf die Frage, ob dieser Konflikt auch nur in Ansätzen lösbar ist, wird es in den nächsten Wochen Antworten geben müssen. Der Antrag auf sofortige Streichung aller Fördermittel war von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen eingebracht worden: Stattdessen sollte das Geld für die Dopingbekämpfung verwendet werden. In der Ausschuss-Drucksache 179 heißt es: ,,Die vom BDR angekündigten Anti-Doping-Initiativen sind nicht realisiert worden. Von einem dopingfreiem Neustart kann keine Rede sein.'' Der Staat darf Sportverbände ,,nur dann finanziell fördern, wenn ein glaubwürdiger und konsequenter Weg in der Dopingbekämpfung gegangen wird''. In einer Rahmenvereinbarung sollten sich die Verbände künftig verpflichten, bei Verstößen die öffentliche Sportförderung des Vorjahres zurückzuzahlen. ,,Wir müssen endlich ein Zeichen setzen'', sagt Grünen-Sportsprecher Winfried Hermann, der mit einem ähnlichen Antrag vor einem Jahr gescheitert war.

Hermann brachte Peter Danckert (SPD), den Vorsitzenden des Sportausschusses, auf seine Seite. Danckert, der bei der Tour 2008 noch im Begleitfahrzeug von Milram unterwegs war, hatte in der Vergangenheit zwar Konsequenzen gefordert, diese aber nie umgesetzt. Danckert wiederum konnte seinen Stellvertreter Peter Rauen (CDU) überzeugen. Damit war der ewige Widerstand der Union gebrochen. ,,Gerolstein liegt ja in meinem Wahlkreis'', erklärte Rauen, ,,und ich habe die Faszination erlebt, die in der Eifel vom Radsport ausging. Aber nun sage ich: Doping hat sich im Radsport eingenistet. Wir müssen ein ganz klares Zeichen ohne Wenn und Aber setzen.''

Zwar waren nur sechs von 16 Parlamentariern anwesend. Trotzdem bezeichnete Hermann die Diskussion als ,,einzigartig''. Denn im Kern gab es Konsens. Am 12. November soll nun BDR-Präsident Rudolf Scharping vor dem Sportausschuss Rechenschaft ablegen über die Antidopingbemühungen seines Verbandes. Bis dahin soll das Bundesinnenministerium (BMI) einen Bericht darüber vorlegen, ob und wie der BDR die von einer BMI-Task-Force im Dezember 2007 festgestellten Versäumnisse aufgearbeitet hat. Die Abgeordneten werden am 12.November eine Entscheidung fällen und diese in die abschließende Bereinigungssitzung mit dem Haushaltsausschuss am 13. November einbringen.

Christoph Bergner, Staatssekretär im BMI, nannte eine Summe von 4,2 Millionen Euro, die der BDR für 2009 erwarte. Aus den Fraktionen verlautete jedoch, die Förderung betrage eher 2,5 Millionen Euro. Es darf davon ausgegangen werden, dass der Sportausschuss einen beträchtlichen Teil der Steuermittel sperren, einen Teil vielleicht streichen wird. Außerdem droht dem BDR eine Rückforderung für Zahlungen im laufenden Jahr, da der Verband bei der Deutschen Meisterschaft im Mountainbike in Singen keine Dopingkontrollen vorgenommen hat. Dies ist ein Verstoß gegen den Code der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Jene Abgeordneten, die dem DOSB-Präsidenten Thomas Bach nahe stehen, äußerten wie üblich die größten Bedenken gegen eine Bestrafung des BDR. Detlef Parr (FDP) bezeichnete den Antrag als voreilig: ,,Wir dürfen den Radsport in Gänze nicht so verurteilen, dass er nicht mehr auf die Beine kommt.'' Eberhard Gienger (CDU), DOSB-Vizepräsident für Leistungssport, sagte, er wolle erst den BDR hören, bevor er ,,zum Schwert der Haushaltssperre'' greife.

Einen etwas konfusen Eindruck hinterließ Staatssekretär Bergner (CDU), der offenbar von der Härte der Fragen überrascht war. Im Kern ging es um die Frage, ob das BMI seiner Prüfpflicht des BDR nachgekommen ist. Danckert polterte: ,,Herr Dr. Bergner, Sie haben zu kontrollieren, ob die Vorschriften im Zuwendungsbescheid eingehalten wurden. Wenn dagegen verstoßen wurde, haben Sie Mittel zurückzufordern.''

In vier Wochen will man also über die Zukunft des BDR entscheiden. Bislang ist nur klar: Burckhard Bremer, einer der Hauptverantwortlichen für die Misere des Radsportverbandes, wird hoher Ordensträger der Bundesrepublik Deutschland bleiben.

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(SZ vom 17.10.2008)