Radsport Kirmes im Kaff

"Cross Vegas" nennen sie es in Nordamerika: Jedes Jahr vor Silvester ist Loenhout in Belgien das Zentrum der kleinen Welt der Querfeldein-Radfahrer. Beobachtungen von der Strecke, zwischen Schlamm und Fritten.

Von Tobias Müller, Loenhout

Mitten im Winter ist in Loenhout Kirmes. Vor der Kirche hat die Polizei eine Strassensperre errichtet. Aus den Festzelten und Cafés tönen stampfender Rock und tiefergelegte Beats. Hunderte Menschen mit Plastikbechern voller Bier schlendern durchs Dorfzentrum, und gleich vor dem Fahrrad-Geschäft schwingt sich eine Brass-Band schon kurz vor Mittag in virtuose Höhen empor. Die Stimme aus den Lautsprechern wird immer aufgeregter: nach den Junioren-Rennen kommen nun die Männer und Frauen. Man nennt sie hier: die Elite.

Kurz vor Silvester ist Loenhout, ein Kaff von dreieinhalbtausend Einwohnern zwischen Antwerpen und der niederländischen Grenze, das Zentrum der Cyclo-Cross- Welt. Diese Welt ist zugegebenermaßen überschaubar. In den meisten Ländern fristet die Sportart, auf Deutsch "Querfeldeinrennen" genannt, ein Schattendasein. Doch in Belgien elektrisiert sie Massen. Die meisten Rennen finden hier statt, und die meisten Weltklasse-Fahrer sind Belgier. Und zu keiner Zeit sind so viele Zuschauer da wie zwischen den Jahren: vier Rennen finden vom zweiten Weihnachtstag bis Silvester staht. Über Stock und Stein, Anhöhen hinauf und durch tiefe Wiesen. An der Absperrung zum Parcours gibt es kaum noch einen freien Platz. Es wird gefeiert.

"Los, Toon", schreit eine Frau an der Strecke. Toon Aerts, das ist ihr Neffe, der Lokalmatador, keine 20 Kilometer entfernt geboren. Seit er sein erstes Rennen fuhr, folgt sie ihm mit einer Gruppe von Verwandten und Freunden. Für sie ist Loenhout ein Höhepunkt. Es liegt fast vor der Haustür.

Loenhout, das sind fiese Kehren und neun gewellte Buckel in jeder Runde

Jedes der Rennen hat seinen Charakter. In Bredene, an der Küste, geht es durch die Dünen. In Diegem bei Brüssel durch die Dunkelheit. In Loenhout, wo sich der Kurs im Zick-Zack durch die Felder um den Sportplatz zieht, durch Schlamm, dunkelbraun, tief und zäh, die meisten Zuschauer tragen Gummistiefel. Doch das ist nicht alles: ins eigentlich flache Terrain sind zahlreiche steile Brücken eingebaut, es gibt fiese, rechtwinklige Kehren, und dann ist da noch das "Waschbrett": neun gewellte Buckel kurz vor dem Ende jeder Runde, grasbewachsen, inzwischen aber längst schwer von schwarzem Schlick.

Man sagt, dass nur Weltmeister in Loenhout gewinnen. In Nordamerika gibt es einen eigenen Namen für das Rennen: "Cross Vegas", sagt der Materialmann des "Team Canada", der neben seinem Caravan kurz vor dem Start mit einem Hochdruckreiniger Räder abspritzt. Drüben am "Waschbrett" erscheinen kurz darauf die ersten Fahrerinnen. Waden und Gesichter sind schon in der ersten Runde schlammbesprenkelt. Bald hat die Belgierin Sanne Cant, die Weltmeisterin, einen Vorsprung herausgefahren, den sie bis ins Ziel halten kann. Es ist ihr dritter Sieg in Serie in Loenhout. Bei den Männern gibt es, wie immer in dieser Saison, einen Zweikampf zwischen Europameister Mathieu van der Poel aus den Niederlanden und seinem belgischen Herausforderer, Wout Van Aert, dem Weltmeister.

Vom Start weg bekämpfen sich die beiden. Anders als bei anderen ­Rennen der letzten Wochen aber können sich zwei weitere Fahrer noch ein paar Runden in ihrem Schlepptau halten. Toon Aerts ist einer von ihnen, der Neffe, er wird am Ende Dritter. Seine Tante ist zufrieden.

Während die Sonne in die Felder sinkt, setzt sie sich mit einer radsportbegeisterten Karawane in Bewegung - in die Cafés und Festzelte. Am Parkplatz bei der Kirche stehen die Caravans der Fahrer. Und während sie duschen, arbeiten die Materialmänner schon an den schlammigen Rädern. Am nächsten Tag steht ja wieder ein Rennen an.