Dem ehemaligen Radfahrer Jan Ullrich droht in Hamburg eine Verurteilung wegen Falschaussage - sofern die Justiz die Sache diesmal hinterfragt.
Nach den Veröffentlichungen der umfassenden Recherchen des Bundeskriminalamtes (BKA) zum Dopingfall Jan Ullrich setzt die Hamburger Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen zum Zivilverfahren des früheren Radprofis gegen den Heidelberger Dopingexperte Werner Franke fort. "Der Abschluss unserer Ermittlungen steht noch aus", sagte Behördensprecher Bernd Mauruschat am Montag auf SZ-Anfrage. In der Sache geht es um den Vorwurf "einer falschen Versicherung an Eides statt" durch Ullrich. Dieser hatte gegen Franke auf Unterlassung geklagt, nachdem der Heidelberger Molekularbiologe von einer Zahlung Ullrichs an den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes gesprochen hatte. In einem BKA-Bericht sind nun Überweisungen an Fuentes in Höhe von 80.000 Euro dokumentiert (SZ 19.10).
Jan Ullrich: Die Hamburger Staatsanwaltschaft setzt ihre Ermittlungen fort. (© Foto: dpa)
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Wie Behördensprecher Mauruschat weiter mitteilte, warte die Staatsanwaltschaft nun "auf eine Stellungnahme des Verteidigers von Herrn Ullrich, sie sollte innerhalb der nächsten zwei Wochen erfolgen". Im Falle eines Schuldspruches drohe Ullrich ein Strafmaß "von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe". Einer Klage Frankes gegen Ullrich wegen Prozessbetruges räumte der Sprecher der Staatsanwaltschaft nach aktuellem Stand geringe Chancen ein. Denn Voraussetzung sei, "dass sich jemand durch eine Falschaussage einen unmittelbaren Vermögensvorteil beschafft".
Nachdem die Bonner Ermittler ihr Verfahren gegen Ullrich "wegen Verdachts des Betruges im Zusammenhang mit der Anwendung von Doping-Mitteln" im April 2008 gegen Zahlung von 250.000 Euro - aber ohne eine Art Geständnis - eingestellt hatten, fordert Franke nun von der Justiz auch eine Klarstellung in der Sache. "Die Dinge, die jetzt auch noch herausgekommen sind, waren doch in Bonn schon 2006 bekannt", argumentiert er und spricht gewohnt angriffslustig von einer "Rechtsprechung wie im Balkan". Zumal die Bonner Behörde im Rahmen ihres Handels mit Ullrich sein Verfahren gegen den gefallenen Sportstar kurzerhand mit eingestellt hatte.
Von Ullrichs Seite gibt es bislang keine Stellungnahme zu den BKA-Recherchen, nach denen er Stammkunde von Fuentes war. Ullrich bestritt nach dem Aufkommen des Skandals um den Madrider Arzt gegenüber seinem Arbeitgeber sogar schriftlich die nun erneut nachgewiesenen Kontakte. Bis heute steht seine Behauptung, er habe niemals gedopt. Im BKA-Report widerspricht ihm nun auch für seine Zeit bei Telekom der frühere Betreuer Jef D'hont: "Jan Ullrich wurde durch die Teamärzte der Uni Freiburg mit Epo versorgt", sagte er aus.
Ob Ullrich doch einmal etwas zur Sache beiträgt, ist offen. In dem Bonner Verfahren zeigte sich, auf welcher Stufe zumindest sein Anwalt den Mandanten sieht: "Es besteht keinen Anlass, den Beschuldigten (Ullrich) wegen des Interesses der Medien an seinem Fall anders zu behandeln als den Beschuldigten des Verfahrens 50 Js 1/00", hieß es dort. Und weiter: "Auch in jener Sache hat die Staatsanwaltschaft die Einstellung des Verfahrens nicht von der Bereitschaft abhängig gemacht, Vorfragen seiner möglichen Strafbarkeit zu beantworten." Der Beschuldigte ist damals wegen Untreue im Parteispendenskandal angeklagt gewesen: Helmut Kohl.
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(SZ vom 20.10.2009/jüsc)
UN-Tourismusorganisation
Ich finde, Jan Ulrich wird von seinen Beratern sehr schlecht beraten.
Ein einmaliges und umfassendes Schuldeingeständnis wäre für ihn viel besser gewesen.
Mit seinem Rumgeeiere unter Einsatz juristischer Spiegelfechterei ist und bleibt er in der Öffentlichkeit eine persona non grata, die keiner mehr ernst nimmt
mir persönlich ist es völlig egal ob Ullrich gedopt hat oder nicht. Da man meiner Meinung nach ohne Doping nicht in der Spitzengruppe des Profiradsports mitfahren kann stimme ich sogar mit Ullrich überein wenn er sagt "ich habe niemanden betrogen".
Was mir allerdings übel aufstösst ist wie im Fall Ullrich ein Instrument wie die eidesstattliche Versicherung dazu Mißbraucht wurde Kritiker mundtot zu machen. Dieser Mißbrauch muß aufs schärfste verfolgt und hart bestraft werden, denn wenn das nicht geschieht kann man in Zukunft eidesstattliche Erklärungen in Gerichtsverfahren nicht mehr als Grundlage für Freisprüche heranziehen.
Und zum Thema Helmut Kohl: die Art und Weise wie ein Bundeskanzler sich über das Gesetz stellen kann ist in meinen Augen ein Skandal. Allerdings hat Kohl meines Wissens nach (und bitte korrigieren sie mich wenn ich falsch liege) nie mit falschen eidesstattlichen Versicherungen operiert, d.h. er hatte wenigstens noch einen kleinen Funken Respekt vor dem Rechtsstaat.
Wenn Jan Ulrich wegen seiner Dopingtaten / Falschaussage nicht ernsthaft bestraft wird, wie sollen dann andere potentielle Dopingtäter abgeschreckt werden?
Die Parallen sind wirklich unübersehbar:
titanic-magazin.de/postkarten.html?&card=1843&cHash=490aa71fc6
Auch die hartnäckige Weigerung Verfehlungen einzugestehen bis hin zum Absurden haben beide gemein.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Geschichte sich diese Mal nicht wiederholt.
Sc
Danke für Ihre Anmerkungen! Ich habe mich in der Tat auf strafrechtliche Folgen bezogen. Diese halte ich aus gesellschaftlicher Sicht angesichts der Meineide von Ullrich für unbedingt erforderlich, damit es nicht zur völligen Wertekonfusion kommt.
Sie haben aber vollkommen recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass das ganze Geschehen für Jan Ullrich bereits viele negative Folgen hatte - und dass er in diesem ganzen Zirkus sicher nicht der Einzige war und ist, der lügt. Zudem hat er anscheinend Berater gehabt, die ihn erst recht ins strafrechtlich Relevante begleitet haben - und davon ohne Folgen für sich selbst finanziell profitieren. Alle diese Aspekte müssen dann bei der Festlegung des Strafmaßes berücksichtigt werden.
Es ist klar, dass dies für Jan Ullrich ein schwieriger Weg ist und wird. Dennoch hat er damit immer noch die Chance, sich auf diesem Wege seinem Tun zu stellen und dann - nach Bezahlen bzw. Verbüßen der Strafe - die noch verbleibenden Jahre ohne die Belastungen der permanenten Lüge zu leben.
Darüber hinaus geht es darum, dahin zu arbeiten, dass diejenigen, die Jan Ullrich in seiner Sportkarriere nachfolgen, diesbezüglich optimalere Bedingungen vorfinden, die diese nicht dazu verleiten, in Manipulation und strafrechtlich relevante Irrungen zu geraten. Da gibt es noch Einiges zu tun. Jan Ullrich könnte dabei - wenn er denn zur Einsicht gelangt - Bedeutsames leisten.
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