Ein Kommentar von Andreas Burkert

Lance Armstrong kehrt zurück - und anstatt Ablehnung zu empfangen, legt sich ihm das Peloton schon wieder zu Füßen. Zivilcourage ist in diesem Metier nicht gefragt.

Radprofi Linus Gerdemann ist 25, kommende Saison möchte er, bei seiner zweiten Teilnahme, die Tour de France mal forsch auf Gesamtwertung fahren. Gerdemann hat ja vorige Woche die Deutschland-Tour gewonnen und sich währenddessen dafür eingesetzt, man möge doch dem Radsport eine Chance geben. Vieles habe sich zum Besseren entwickelt, hat Gerdemann gesagt.

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Lance Armstrong kehrt zurück - und ist überall willkommen. (© Foto: dpa)

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Vier Tage später erklärt ein gewisser Lance Armstrong seinen Vorruhestand für beendet. Sie werden also alle neben dem jungen Deutschen am Start stehen: Armstrong, dann 37, der stets etwas cleverer gewesen ist; vor allem cleverer als die Kontrolleure. Außerdem Ivan Basso, der enttarnte Fuentes-Kunde, und Alberto Contador, der gleichfalls enttarnte, aber nicht belangte Klient des spanischen Blutdoktors. Womöglich findet sich ja noch irgendwo ein Tour-Plätzchen für Tyler Hamilton, Oscar Sevilla oder Santiago Botero.

Die Strippenzieher sind vernetzt

Auch sie wurden trotz jener Blutdienste, die sie bei Fuentes in Anspruch nahmen, bis heute nicht zur Verantwortung gezogen. Die drei fahren übrigens gerade munter bei der Großbritannien-Rundfahrt mit. Und mal ehrlich, könnte nicht Jan Ullrich ausnahmsweise seine Hobbys (Kinder, Weinkeller) Hobbys sein lassen und 2009 tapfer Platz zwei in Frankreich anstreben? Wo er doch "niemals jemanden betrogen" habe und sowieso "rehabilitiert" sei, wie kürzlich im Privatfernsehen der Hobby-Interviewer Boris Becker mit denkwürdiger Ahnungslosigkeit behauptete?

Doch, doch, sie sollen ruhig alle fahren. Die Quoten des Fernsehens werden bestimmt ausnahmsweise in die Höhe schnellen. Und nur darum geht es ja heute in diesem Sport: um das Geschäft. Die Strippenzieher sind längst wieder vernetzt wie zu besten Zeiten. Auch die Tour, wo sie im Juli noch vom Neuanfang faselten, weil sie allmählich doch um ihren Ruf fürchteten. Vielleicht fährt Armstrong mit 37 Jahren nicht mehr hochgedopt durch ihre Alpen und Pyrenäen. Doch so lange der Radsport nicht bereit ist, mit aller Konsequenz einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit zu ziehen, ist seine Glaubwürdigkeit so groß wie Boris Beckers Reputation als Journalist.

Anstatt den Mister aus Texas mit jener Ablehnung zu empfangen, die er verdient, legt sich ihm das Peloton schon wieder ergeben zu Füßen. Aber Zivilcourage, das lehrt die jüngere wie die ältere Vergangenheit, ist in diesem Metier nicht gefragt. Armstrong ist überall willkommen. Weil sehr vieles beim Alten geblieben ist.

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(SZ vom 11.09.2008)