Radsport Armstrong kommt recht glimpflich davon

Früher Radsport-Idol, heute Super-Doper: Lance Armstrong.

(Foto: Michael Paulsen/dpa)
  • Die US-Regierung wollte den Dopingsünder Lance Armstrong auf einen Schadensersatz von fast 100 Millionen Dollar verklagen.
  • Zum Prozess kommt es nun nicht, da sich der frühere Radprofi freigekauft hat.
  • Einige Armstrong-Gegner sind entsetzt, weil sie glauben, dass es sich in den USA lohnt, kriminell zu sein.
Von Johannes Aumüller

Alles war bereitet für einen der wohl spektakulärsten globalen Sportprozesse überhaupt. Am 7. Mai sollte es in Washington losgehen, auf einen Schadenersatz von fast 100 Millionen Dollar wollte die US-Regierung den einst als Radsport-helden gefeierten und später als Super-Doper enttarnten Lance Armstrong, 46, verklagen. Doch nun fällt dieser Prozess aus. Am Donnerstag gab es eine Einigung: Der Texaner zahlt eine Strafe in Höhe von fünf Millionen Dollar an die Klägerseite, der neben der US-Regierung auch der frühere Radprofi und spätere Doping-Kronzeuge Floyd Landis angehört. Damit ist nun auch die letzte juristische Auseinandersetzung in der Doping-Causa Armstrong beendet.

Armstrong kommt also recht glimpflich davon und gab sich entsprechend angetan. Er halte den Prozess zwar für unfair, aber er freue sich, dass der Fall erledigt sei und er sich im Leben nun "vielen großartigen Dingen" widmen könne. Auch die Klägerseite zeigte sich zufrieden. "Niemand steht über dem Gesetz. Dieser Vergleich zeigt, dass diejenigen, die die Regierung betrügen, zur Verantwortung gezogen werden", sagte ein Anwalt des US-Justizministeriums. Aber die vergleichsweise geringe Sanktion für Armstrong ist nicht der einzige Grund, warum dieser Vorgang einige Diskussionen entfacht. Denn so manche im bisherigen Verfahren aufgetauchte Frage zur damaligen Doping-Ära - Details, angebliche Mitwisserschaften - kommt jetzt nicht vor Gericht.

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Hintergrund des Rechtsstreits war, dass das Staatsunternehmen US Postal von 2000 bis 2004 mit 32 Millionen Dollar die Gesellschaft Tailwind Sports unterstützte; der gehörte das Team US Postal, für das Armstrong nach überstandener Krebserkrankung antrat. Fünf seiner sieben Tour-de-France-Siege fuhr er in dieser Zeit ein. Indizien für Doping gab es schon damals, Armstrong bestritt stets und inszenierte sich stattdessen als Held, der nicht nur in der Radwelt mächtig war, sondern selbst Staatschefs wie George W. Bush oder Nicolas Sarkozy an seiner Seite wusste.

2010 strengte dann sein langjähriger Kompagnon Landis auf Grundlage des sogenannten "False-Claims"-Gesetzes einen Prozess wegen Betrugs zu Lasten des Staates gegen Armstrong an. Zwei Jahre später wies die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) Armstrong und seinem Team ein jahrelanges, ausgeklügeltes Dopingsystem nach. Anfang 2013 gestand Armstrong in einem Interview; der Staat schloss sich Landis' Klage an. Der potenzielle Streitwert betrug nun das Dreifache der geleisteten Sponsorenzahlungen, also fast 100 Millionen Dollar. Armstrong drohte der Ruin, zumal er in anderen Schadenersatzprozessen schon zahlen musste.

Armstrongs Anwälte hielten vor allem mit zwei Argumenten dagegen: Zum einen habe der von Armstrong eingefahrene Werbewert die Summe von 100 Millionen Dollar deutlich überschritten. Zum anderen sei Doping damals weit verbreitet gewesen, der Sponsor hätte von den Praktiken wissen können. Zwischenzeitlich deutete die Armstrong-Seite gar an, Vertreter der US-Post hätten konkrete Kenntnis von Doping beim Team gehabt. In der Tat gab es damals schon viele Auffälligkeiten; nicht zuletzt dieser Punkt wäre spannend geworden in einem Prozess vor Gericht.

Auch Kläger Landis profitiert vom Deal

Stattdessen beteuerte Armstrong nun, wie erleichtert er sei, dass er mit US Postal Frieden geschlossen habe. Das Unternehmen sieht sich von dem Ausgang des Verfahrens bestätigt: Es sei immer die Position gewesen, dass Armstrong US Postal irregeführt habe, sagte Firmen-Repräsentant Thomas J. Marshall der Washington Post. Auch Mitkläger Landis gab sich freundlich. Er hätte aufgrund der Gesetzeslage als Initiator der Klage mit bis zu 25 Prozent des Schadenersatzes rechnen dürfen; knapp 25 Millionen Dollar. Nun fällt die Summe zwar viel geringer aus, aber immerhin profitiert er finanziell trotzdem. 1,1 Millionen Dollar beträgt sein Anteil an der Strafzahlung, zudem gibt es für ihn von Armstrong noch 1,65 Millionen Dollar für die Anwaltskosten. "Ich habe die Vergangenheit nicht in einem Gerichtssaal erneut durchleben wollen.

Ich denke, Lance geht das genauso", sagte Landis. Andere Armstrong-Gegner und -Opfer reagierten anders, Betsy Andreu etwa, die Frau von Armstrongs ehemaligem Teamkollegen Frankie Andreu. Die beiden hatten früh Armstrongs Dopingpraktiken öffentlich thematisiert und mussten jahrelang üble Attacken und Beleidigungen des Texaners ertragen. Die Welt sehe Armstrong als "rachsüchtigen, unbarmherzigen Lügner", sagte Betsy Andreu nun. Sie sei überrascht, dass die Regierung sich auf so eine geringe Summe eingelassen habe: "In Amerika zahlt es sich aus, kriminell zu sein, weil Sie von Ihrem Verbrechen profitieren können."

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