Rad-Profi Bradley Wiggins Held vor der Pulverisierung

2012 gewann Bradley Wiggins die Tour de France. Doch es ranken sich Fragen um seinen Sieg.

(Foto: AP)
  • Ein britischer Parlamentsbericht sieht es als erwiesen an, dass sich Radprofi Bradley Wiggins vom Team Sky bei seinem Tour-Sieg 2012 mit Asthma-Mitteln gerüstet hatte - zur Leistungssteigerung.
  • Formal läge kein Verstoß gegen Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur vor, klar überschritten worden sei aber eine selbstgezogene "ethische Linie". Wiggins wies alle Vorwürfe zurück.
  • Es gibt eine ganze Reihe von Mysterien um das Team Sky.
Von Thomas Kistner

Wer sich in den Juli-Tagen 2012 in London über letzte Olympia-Vorbereitungen informieren wollte, musste sich in der englischen Presse erst durch seitenlange Huldigungen auf einen gewissen Bradley Wiggins wühlen. Der Radprofi hatte die Tour de France gewonnen, als erster Brite, und die Nation damit kurz vor den Sommerspielen in den passenden Siegtaumel versetzt. Auch bei Olympia holte er dann Gold für England, im Zeitfahren: Sir Bradley Wiggins darf er sich seitdem nennen. Noch im olympischen Jubeljahr hatte ihn Queen Elizabeth zum Ritter geschlagen - den Mann, der mit insgesamt acht Medaillen, darunter fünf goldenen, Britannias erfolgreichster Olympionike ist.

Team Sky scheitert am eigenen Anspruch

2009 trat die Équipe an, um den Radsport transparenter zu machen. Doch inzwischen stapeln sich die Merkwürdigkeiten rund um das Team von Tour-Leader Christopher Froome. Von Johannes Knuth mehr ...

Ein nationales Helden-Epos. Und nun steht es kurz davor, pulverisiert zu werden. Am Sonntag legte der parlamentarische Sonderausschuss für Digitales, Kultur, Medien und Sport (DCMS) einen desaströsen Bericht vor. Das Gremium betrachtet es als erwiesen, dass sich Wiggins und mutmaßlich auch dessen Helfer im Profirennstall Team Sky für jene Tour mit leistungssteigernden Kortikoiden gerüstet hatten. Das sei mit infamer Raffinesse geschehen, unter dem Deckmantel von medizinischen Ausnahmegenehmigungen (TUEs).

Der Fall ist mühsam zu klären, auch weil der britische Radverband kaum kooperiert

Der Dreh, sich via TUEs Zugang zu sonst verbotenen Wirkstoffen zu verschaffen, scheint nach Enthüllungen in den vergangenen Jahren gerade in europäischen und nordamerikanischen Ländern sehr beliebt zu sein. Was vom Teamarzt krankheits- oder nur vorteilsbedingt beantragt wird, lässt sich ja schwer auseinanderhalten. Umso auffälliger wirkt es, wenn scharenweise Spitzenathleten schwere Erkrankungen reklamieren, die bei der Erbringung von Topleistungen eher hinderlich sein müssten.

Vorzugsweise geht es bei TUEs um Asthma-Mittel, so auch im Fall Wiggins/Sky. Beantragt wurde ein im Wettkampf verbotener Wirkstoff, der zur Behandlung von Allergien und Atemwegserkrankungen dient. Kurz vor den Tour-Rennen 2011 und 2012 sowie dem Giro d'Italia 2013 hatte der Brite TUEs für Triamcinolon erhalten. Das Ziel sei dabei aber, laut DCMS-Report, nicht gewesen, "medizinische Probleme zu behandeln, sondern das Verhältnis von Kraft und Gewicht vor dem Tour-Rennen zu verbessern". Die Politiker folgern: Formal läge kein Verstoß gegen Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur vor, klar überschritten worden sei aber "eine ethische Linie, die (Teamchef) David Brailsford für die Profis des Teams Sky selbst gezogen hat".

Bradley Wiggins wies alle Vorwürfe zurück. "Menschen können beschuldigt werden, Dinge getan zu haben, die sie nie taten und die dann als Tatsachen betrachtet werden", twitterte er, "ich weise die Behauptung entschieden zurück, Medikamente ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen zu haben." Sky erklärte: "Wir sind überrascht und enttäuscht, dass das Komitee eine anonyme und böswillige Behauptung veröffentlicht, ohne dass irgendwelche Beweise präsentiert oder uns Möglichkeit zur Antwort eingeräumt werden." Doch von diffusen Behauptungen und vagen Belegen wirkt die Causa Sky weit entfernt. So wird im Report der frühere Sky-Trainer Shane Sutton zitiert, der die TUE-Missbrauchsthese stützt: "Was Brad tat war unethisch, aber nicht gegen die Regeln", erklärte er.