Protest bei WM-Eröffnung Millionen Augen auf einen kleinen Brasilianer

"Unsere Hoffnung war der Junge": Werá Jeguaka Mirim (rechts, in weiß) beim WM-Eröffnungsspiel.

(Foto: REUTERS)

Sein Dorf ist stolz auf ihn: Beim WM-Eröffnungsspiel lässt der 13 Jahre alte Werá Jeguaka Mirim vom Volk der Guaraní zunächst eine Friedenstaube in die Luft steigen - danach startet der Ureinwohner seine Protestaktion.

Von Peter Burghardt, São Paulo

Manchmal öffnet die Welt ein winziges Fenster. Oder jemand reißt es auf, und plötzlich steht ein Unbekannter ganz kurz im Mittelpunkt. Dann ist nur noch die Frage, ob ihm auch wirklich jemand zuschaut. Das war zunächst das Problem des Werá Jeguaka Mirim. Dabei richteten sich zunächst Hunderte Millionen Augen auf den 13 Jahre alten Brasilianer, als er gemeinsam mit zwei Landsleuten am vergangenen Donnerstag in der Arena Corinthians von São Paulo diese Fußball-WM eröffnete.

Fifa-Patron Joseph Blatter und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff blieben aus Angst vor Pfiffen stumm, stattdessen durfte dieser indianische Schüler gemeinsam mit einem hellhäutigen Jugendlichen und einem dunkelhäutigen Mädchen Friedenstauben in den Himmel entlassen.

Werá Jeguaka Mirim aus dem Volk der Guaraní trug dabei auf dem Kopf traditionellen Federschmuck und ansonsten wie seine beiden Mitstreiter Kleidung in neutralem Weiß. So viel bekam das Publikum im Stadion und vor den Fernsehern noch mit. Die Geste sollte im Auftrag der Funktionäre völkerverbindend wirken.

Werá Jeguaka Mirim mit traditionellem Kopfschmuck

(Foto: Getty Images)

"Sepp Neuer!"

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Als er den Platz verließ, zückte Werá Jeguaka Mirim jedoch ein rotes Transparent, das er in der Hosentasche versteckt hatte. Darauf stand: "Demarcação". Abgrenzung. Es ist das Motto der brasilianischen Ureinwohner, die eigenen Grund und Boden fordern, denn seit Jahrhunderten bestimmt die weiße Oberschicht. Aber die Kameras und die meisten Blicke wendeten sich da schon wieder ab und dem Anstoß zu, kurz darauf gewann Brasilien 3:1 gegen Kroatien.

Wer nicht ganz genau hinsah, und das waren die meisten, der verpasste die beherzte Aktion. Erst Tage später tauchte dieses Foto in Zeitungen und sozialen Netzwerken auf. Es zeigte Werá Jeguaka Mirim, wie er mit seinem erhobenen Spruchband von dannen zog, hinter sich den Schiedsrichter und ein paar kroatische Beine. Mit einiger Verspätung bekam der mutige Aktivist wenigstens einen Bruchteil der geplanten Aufmerksamkeit.

Einen Monat lang hatten die Stammesführer der Gemeinde Krukutu von Parelheiros im äußersten Süden von São Paulo diese flüchtige Protestaktion geplant, als einer der Ihren von den Organisatoren für den Start der WM auserwählt worden war. Gewöhnlich wird die Ethnie der Guaraní in Brasilien ja vergessen oder wie Folklore behandelt. Sie warten darauf, dass ihnen die Regierung endlich ein vernünftiges Revier zuweist.

"Unsere Hoffnung war der Junge", sagt Marcos Tupã, einer der Autoritäten. "Er hat geschafft, was wir erwartet hatten, nur ist er weder der Welt noch Brasilien aufgefallen. Wir sind frustriert."

Immerhin kam ein Nachhall. Werá Jeguaka Mirim ist nun zumindest zu Hause berühmt. "Er blieb ruhig und nicht schüchtern", lobte sein Vater. "Er kam glücklich zurück und läuft wie ein Star durchs Dorf, jeder will sich mit ihm fotografieren lassen." Zufrieden sei sein Sohn auch deshalb, weil er Brasiliens Stürmer Neymar aus der Nähe gesehen habe.

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