"Desasterchen" wurde der Auftritt der Nationalelf gestern genannt - auch "Enttäuschung" und "Mogeltruppe" waren beliebte Worte. Das stimmt nicht: Die deutsche Truppe liegt voll im Soll.
Eines gleich vorneweg: Natürlich wäre ein Sieg gegen Japan schön gewesen. "Für die Stimmung im Land", wie ARD-Frontfrau Monica Lierhaus dem Bundestrainer vorhielt. Klar, die Euphorie unter den Fans soll hoch gehalten werden. Aber Klinsmann reagierte richtig: "Es hätte für uns keinen Unterschied gemacht, wenn wir 1:2 verloren hätten."
Anzeige
Richtig so, Klinsi! Denn seine Mannschaft befindet sich in der Vorbereitung auf ein großes Turnier. Sie will etwas ausprobieren, hat schwere Beine, will auch mal einen Fehlpass spielen dürfen. Experten hatten schon vor dem Spiel angekündigt, dass "Rumpelfußball-Gefahr" besteht.
Genauso war es in der Vergangenheit auch: Vor dem WM-Triumph 1990 gab es ein glückliches 3:3 gegen Uruguay, vor der WM 1974 ein mageres 2:1 gegen Schottland. Direkt vor dem Turnier 1954 verlor die deutsche Elf gar 3:5 gegen die Schweiz. Und was sagten die jeweiligen Trainer? Wir bereiten uns auf ein Turnier vor, da kann das schon mal vorkommen. Herberger, Schön und Beckenbauer wählten fast die gleichen Worte.
Soviel zur Geschichte. Doch hatte die Gegenwart auch einiges zu bieten, das Hoffnung macht für das Turnier.
Da ist der Kampfgeist, der deutsche Mannschaften auszeichnet. Der in den vergangenen Jahren so nicht zu sehen war. Da ergibt sich die deutsche Elf bei einem 0:2-Rückstand nicht ihrem Schicksal. "Wir geben nicht auf! Wir werden hier nicht verlieren!" Das schienen sich die Spieler gesagt zu haben und zeigten: Auch wenn wir schlecht spielen, ist es verdammt schwer, uns zu schlagen.
Da ist ein Torhüter, der Unglaubliches zu leisten vermag. Jens Lehmann hielt gestern ähnlich stark wie Oliver Kahn im Viertelfinale 2002. Klar, die deutsche Abwehr wackelt. Unter dem Begriff "Stellungsfehler" befindet sich im Lexikon ein Bild von Jens Nowotny, Christoph Metzelder unterstrich eindrucksvoll, warum seine Nominierung kritisiert wurde. Aber eines ist sicher: Dahinter steht ein Mann, der Spiele allein entscheiden kann.
Spiel mit unglaublichem Tempo
Da ist Miroslav Klose. Der Stürmer musste private Dinge klären, flog nach Hause und dann direkt zum Spiel. Dort war wenig von ihm zu sehen. Aber als ein Tor dringend nötig wurde, war Klose zur Stelle. Clever lief er sich frei, technisch perfekt ließ er den Ball ins Tor abtropfen. Deutschland hat einen Weltklasse-Torjäger, auf den man sich jederzeit verlassen kann.
Da ist Michael Ballack. Er wollte gestern unbedingt spielen, obwohl der Knöchel höllisch schmerzte. Er wollte bei der Mannschaft sein, sie unterstützen. Es ging nicht so, wie er es wollte. Sicher ist aber auch: Zur WM werden wir einen anderen Ballack erleben.
Das Spiel gestern hatte ein unglaublich hohes Tempo, das vorher kaum ein Experte erwartet hatte. Die deutsche Elf bewies, dass sie das Tempo mitgehen kann. Nein, sie zeigte, dass sie zum Ende des Spiels die Spielgeschwindigkeit sogar noch erhöhen kann.
Bei aller Arbeit, die noch Klinsmann und seine Mannschaft wartet: Wir sind auf einem guten Weg!
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
(sueddeutsche.de)
Harte Kritik des Bayern-Präsidenten