Porträt Eis auf 5642 Metern

Oben auf dem Elbrus angekommen genehmigte sich Adriano Colle erst einmal ein Eis: die Waffel hatte er dabei, das Eis machte er sich aus dem Schnee.

(Foto: Adriano Colle/oh)

Der Kemptener Adriano Colle hat zwei kühle Leidenschaften: Er ist Eismacher und alpiner Extremsportler. Anfang Mai stieg er auf den höchsten Berg Europas in fünf Stunden.

Von Teresa Bummel

Adriano Colle konzentriert sich, er ist ganz bei sich in diesem Moment. Still steht er auf seinen Skiern, die ihn bald Tausende Höhenmeter durch Schnee und Eis tragen werden. Um ihn herum stehen Konkurrenten und Mitstreiter, sie sprechen miteinander, Colle schweigt. Er fokussiert sich auf sein eigenes Rennen, geht die Strecke noch einmal im Kopf durch, analysiert, wo er die meiste Zeit herausholen kann, lässt einen tiefen Atemzug frei, der als weiße Wolke vor ihm in der Luft verharrt und sich dann in den immer dichter werdenden Nebelschwaden verliert.

Colle, 46, befindet sich am Fuße des Elbrus, der mit seinen 5642 Metern nach der jeweiligen Definition entweder der höchste Berg Europas ist oder doch in Asien liegt. Die Bergsteiger jedenfalls zählen den Elbrus zu Europa. Auf dem Berg fand vor wenigen Wochen das Red Fox Elbrus Race statt, das Athleten aus aller Welt anzieht. Sie traten Anfang Mai in insgesamt fünf verschiedenen Disziplinen gegeneinander an. Colle war einer von ihnen und bei Weitem kein Anfänger in alpinen Sportarten.

Mit der Eigenkreation "Gewürze des Orients" gewann Colle die deutsche Eismeisterschaft

In seiner Jugend begann er mit dem Skifahren, Slalom und Riesenslalom wurden bald zu seinen Leidenschaften in seiner Heimat unweit der Dolomiten in Italien. Seine Sommer verbrachte der Halbitaliener in Deutschland und stieg dort von den Skiern regelmäßig aufs BMX-Rad um, bald auch aufs Mountainbike. Man müsse ja im Sommer auch was machen wenn kein Schnee liegt, findet der Kemptener Colle. Und Spaß daran hatte er ja auch. Bis zu viermal wöchentlich zieht es ihn mittlerweile auf die Berge seiner Umgebung im Allgäu - schon am frühen Morgen, um hoch oben den Sonnenaufgang beobachten zu können. Ohne die Berge könnte der 46-Jährige mit dem immer noch jugendlichen Gesicht wohl nicht leben, Sportarten in der Ebene reizen ihn nur bedingt. Am Berg holt er sich dagegen Kraft und Ruhe für den ganzen Tag, erzählt er, und die braucht er auch.

Denn neben dem Wintersport hat Adriano Colle noch eine andere kalte Leidenschaft: das Eismachen, die Rede ist von Speiseeis. Früh fing Colle an, im Betrieb seiner Eltern mitzuarbeiten. Inzwischen bereichert er das Eiscafé Venezia in der Kemptener Innenstadt mit seinen ausgefallenen Eigenkreationen wie etwa "Gewürze des Orients" mit Zimt, Kardamom und gerösteten Pistazien. Damit gewann er - ganz beiläufig erwähnt er es im Gespräch - schon die deutsche Eismeisterschaft. "Das Eis ist halt einfach mein Element", sagt Colle, er lächelt. Es passt halt einfach zu gut: Denn auch im Extremsport fühlt er sich am wohlsten, wenn es eisig ist. Ein 24-Stunden-Tourenskirennen war sein erster Wettkampf in der Kälte. "Die ersten paar Tage danach hat man keine Lust mehr", sagt er. "Aber nach spätestens einer Woche sucht man sich schon das nächste Ziel aus."

Zu Hause kreierte sich Colle dann seine eigene Elbrus-Eissorte, die er in seinem Eiscafé verkauft

So kam es zum Ausflug auf den Elbrus, sein nächstes Ziel. Colle nahm an drei von fünf Wettkämpfen teil. In seiner Lieblingsdisziplin, dem Tourenskirennen, belegte er mit seinem Team den fünften Platz. Später, beim Highlight des Events, dem Skymarathon, bei dem die Teilnehmer vom Fuße des Berges aus bis nach ganz oben auf den Gipfel liefen, musste sich Colle dann jedoch wieder als Einzelkämpfer beweisen. Fünf Stunden und vier Minuten brauchte er für den Aufstieg, er belegte den 15. Platz. Wenn er sich an die Zeit im Kaukasus erinnert, dann schwelgt Colle nicht emotional in Erinnerungen, er wirkt schon eher ein bisschen so wie ein Beobachter, der das Gesehene und sein Ergebnis analytisch einordnet: "Das war für mich ein super Ergebnis, man überlegt danach zwar schon, ob man noch ein bisschen mehr hätte rausholen können, aber aufgrund der ungewohnten Höhe war ich dann doch lieber vorsichtig." Oben am Gipfel angekommen machte er sich übrigens ein Eis, eine Waffel hatte er sich dafür mitgebracht, die Kugel formte er sich aus dem Schnee. Zu Hause kreierte er nach dem Ausflug nach Russland dann sogar eine eigene Elbrus-Eissorte: 5642 heißt sie, benannt nach der exakten Höhe des Berges.

Nicht nur diese kleine Episode zeigt, wie nah sich die beiden Eis-Leidenschaften im Leben von Adriano Colle sind. Für ihn bildet der Sport eine willkommene Abwechslung vom Beruf: "Ich komme nach einem erfolgreichen Wettkampf zurück in meinen Betrieb und habe ein stärkeres Selbstbewusstsein. Ich kann meinen Körper und meinen Kopf so einstellen, dass ich fast alles erreichen kann." Und wenn ihm um fünf Uhr morgens auf dem Weg zu einem Gipfel im Allgäu doch einmal der Atem ausgehen sollte, hat Colle seine zwei 50 Kilo schweren Hunde als Trainingspartner, die ihn begleiten: "Wenn es bei mir nicht mehr geht, dann ziehen sie mich auch hoch", sagt er und lacht. Weil er weiß, dass das sowieso niemals der Fall sein wird.