Von Javier Cáceres

Schulen und Betriebe bleiben geschlossen: Athletic Bilbao trifft im Pokalfinale auf den FC Barcelona - für ein paar Tage sind die Basken vereint und vergessen die tiefen Risse durch ihre Gesellschaft.

Ihre erste Ehrenrunde drehen die Fußballer von Athletic Bilbao, da ist noch nicht einmal das Abschlusstraining in Sicht. Geschweige denn das Finale.

Bild vergrößern

So wollen die Spieler von Athletic Bilbao nach dem Finale gegen Barcelona auch jubeln. (© Foto: Reuters)

Anzeige

Es ist Sonntagmittag, ein letztes Training auf baskischem Boden ist angesetzt, und auf den Rängen der "Kathedrale", wie das enge Stadion genannt wird, drängen sich 20000 Menschen. "Das ist ja wie bei einem Spiel!", sagt Mittelfeldspieler Joseba Etxeberríam später. Noch immer ist er überwältigt, noch immer mag er nicht glauben, dass sich die Menschen auf den Tribünen von ihren Plätzen erhoben, geklatscht, gerufen, geschrien hatten, obwohl sich die Mannschaft bloß anschickte, zwecks Erwärmung der Muskeln eine Runde im Trab zu drehen.

Anschließend präsentierten die Profis ein Transparent. "Denon artea lortuko dugu", stand auf Baskisch geschrieben, "gemeinsam werden wir es schaffen" - an diesem Mittwoch in Valencia gegen den FC Barcelona das Finale um Spaniens Königspokal zu gewinnen. Für Athletic wäre es der erste Titel seit 25 Jahren.

Und der vielleicht wichtigste in der 110-jährigen Klubgeschichte. Denn schon ein flüchtiger Spaziergang durch Bilbao beweist, dass diese Partie für diese Stadt viel mehr ist als nur ein weiteres Finale. Bilbao, das ist die alte Industriemetropole an der Biskaya, Herz des Baskenlandes, der vielleicht am heftigsten zerklüfteten Region Europas. Hier gibt es nicht bloß oben und unten, Strukturwandel, Arbeitslosigkeit, Angst vor Bankenkrise und Rezession. Hier dreht sich alles auch um Fahnen, Würde, Identität.

Auf der einen Seite stehen die, die nicht aus dem spanischen Staat ausscheren wollen. Auf der anderen Seite jene, die es vielleicht irgendwann einmal gerne tun würden; sie stehen ganz nah bei denen, die es sogar ganz bestimmt gerne hätten. Eine radikale Minderheit wiederum ist bereit, dafür Bomben zu legen, den Gegner mit Nackenschüssen zu erledigen.

Manchmal ist auch die Kathedrale Abbild dieser Spaltung: Als der Anwalt Fernando García Macua, 45, der im zweiten Jahr Athletic-Präsident ist, einmal eine Schweigeminute für ein Opfer der Terrororganisation Eta im Stadion abhalten ließ, war das in den Augen vieler eine Heldentat - in den Augen der Ultras im Stadion aber ein Verrat an der baskischen Sache. In jedem Fall war es ein Novum: Um den sozialen Frieden im Stadion nicht zu gefährden, hatte sich nie zuvor ein Athletic-Präsident getraut, ein Opfer der Eta zu ehren.

Doch von all den tiefen Rissen, die diese Gesellschaft schmerzen, weil sie quer durch die Familien gehen, ist in Bilbao derzeit wenig spürbar. Fast an jeder Fassade ist zu erkennen, was gerne behauptet wird: dass die Farben Athletics die Stadt zusammenhalten. Kitt aus Rot und Weiß. Überall Fahnen, Stoffbahnen, Plakate.

170.000 für zehn Tickets

Fußball als Opium fürs Volk? Vielleicht. Womöglich auch bloß notwendige mentale Hygiene. Andoni Zubizarreta, früher Torwart, später Sportdirektor bei Athletic, sitzt in der Empfangshalle des Hotels Carlton und neigt eher Letzterem zu. Er sagt: "Athletic ist das einzige Projekt, in dem sich ausnahmslos alle Bewohner dieser Stadt wiederfinden."

Momentan wird Bilbao vom Wahnsinn regiert. Auswärtspilgerreisen sind im spanischen Fußball eher selten, doch am Finaltag werden 40.000 der gut 350.000 Bilbainer in Valencia sein, obschon der Verband dem Klub nur 18000 Karten zur Verfügung stellt. Als die Provinzverwaltung kürzlich 110 Tickets verlosen wollte, meldeten sich 170.000 Menschen. Die Honoratioren der Stadt klagen, dass sie ein gesellschaftliches Nichts seien, weil sie an keine Karten herankommen. Prüfungen an Schulen und Universitäten sind abgesagt, sie werden am Tag nach dem Finale geschlossen bleiben - ebenso Betriebe und Geschäfte. "Mir ist, als wären wir das Zentrum des Weltfußballs", sagt Trainer Joaquín Capparós.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Kitt aus Rot und Weiß
  2. "Es geht um unser Überleben"
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...